Artikel

Standardisieren oder verlieren

Warum eine einheitliche technische Infrastruktur für die Zukunft der Buchverlage so wichtig ist.

A woman talks at a meeting with five other colleagues around a desk

Für Druckproduzent und Verlag ändert sich alles

Der Bereich Buchverlag erlebt gerade eine Revolution. Veraltete Prozesse werden infrage gestellt, neue Geschäftsmodelle werden geboren und neue Leistungsversprechen entstehen. In der Vergangenheit wurden Bücher in großer Stückzahl gedruckt und vertrieben. Heute schrumpfen die einzelnen Produktionsläufe, und die Verleger suchen nach Möglichkeiten, das finanzielle Risiko zu kontrollieren und sich an die veränderten Lebenszyklen von Büchern anzupassen. 

Leser und Händler erwarten große Auswahl und Flexibilität, was im Widerspruch zu den hohen Stückzahlen analoger Produktion steht. In Zukunft werden die Inhalte regelmäßig aktualisiert, für eine Publikation auf mehreren Plattformen neu zusammengestellt und auf Bedarf nachgedruckt. Doch während die Verlage versuchen, Innovationen mit neuen Formaten und Produkten zu entwickeln, werden sie immer noch durch hohe Kosten für Produktion, Lagerhaltung, Material- und Abfallbewirtschaftung behindert.

Colleagues working on computers linked to printers

Druckdienstleister und Verlage auf derselben Seite

Die meisten Buchverlage und ihre Produzenten stehen vor der Frage, ob ihre jetzigen Produktions- und Vertriebsmodelle noch den Anforderungen entsprechen, und ergründen neue Wege der Zusammenarbeit. Für viele Verlage und Druckdienstleister steht hierbei eine Investition in die Produktion von digitalen Kleinauflagen am Anfang, wodurch die unwirtschaftliche Offsetproduktion bei niedrigen Auflagen und kurzen Lieferzeiten umgangen werden soll.

Kleinauflagen im Digitaldruck als Ergänzung zur Offsetproduktion ist nur der erste Schritt in Richtung eines wirklich nachfragegesteuerten Geschäftsmodells – Buchlebenszyklus-Management (BLM) und On-demand-Produktion. Diese fortschrittlicheren Geschäftsmodelle müssen gründlicher überdacht werden, um maximale Wirkung in Bezug auf die Effizienz der Lieferkette, Kostensenkung und kürzere Markteinführungszeiten zu erzielen.

Während Verlag und Druckdienstleister diese progressiven Geschäftsmodelle einführen, werden zwei Wahrheiten immer deutlicher. Erstens, Prozessoptimierung erfordert eine engere Zusammenarbeit beider Parteien. Zweitens, für den Erfolg ist eine ganzheitlichere technische Infrastruktur wichtig.

Das Kleinauflagen-Modell ist verglichen damit relativ einfach. Es erfordert ein wenig Workflow-Automatisierung und Standardisierung, z.B. bei den Papiersorten. Dagegen erfordert das nachfragegesteuerte Modell – mit Buchlebenszyklus-Management (BLM) und On-demand-Produktion – eine enge Partnerschaft, die sich durch geringeres wirtschaftliches Risiko und höhere Umsätze auszahlt.

Das BLM-Modell passt die Produktion an die Bestellungen der aktuell nachgefragten individuellen Titel an, was das Risiko für Über- und Unterlagerung reduziert. BLM funktioniert nur bei einer engen technischen Verzahnung von Verlag und Druckdienstleister. Zum Beispiel werden in einem automatisierten System zur Lagerauffüllung Nachbestellungen dann ausgelöst, wenn Lager- und/oder Händlerdaten zeigen, dass die vereinbarten minimalen Lagerbestände erreicht werden.



WIR BRAUCHEN NICHT ÜBER FARBSCHEMEN ODER EMOTIONALE ANSPRACHE ZU DISKUTIEREN, BEVOR WIR NICHT HERAUSGEFUNDEN HABEN, WIE WIR DIE GESCHÄFTSPROZESSE VEREINFACHEN KÖNNEN.

- Michaela Philipzen, Ullstein Buchverlage

Für den Buchproduzenten bedeutet das BLM eine höhere Stufe der Workflow-Automatisierung, von der Bestellannahme über Preflighting, Farbmanagement, Prooferstellung, Druck, Endverarbeitung bis zum Versand und zur Fakturierung. Effiziente Automatisierung und ein wirtschaftliches Modell für Verlag und Druckdienstleister hängen von einem hohen Grad an Standardisierung bei Lagerbeständen, Formaten und Beschnittsgrößen ab.

Auf der Bestelleingangsseite sollte die Schnittstelle eine Web-to-Print-Lösung sein, die die Dateien online übergibt. Dies macht die Notwendigkeit definierter Prozesse, standardisierter Jobtickets, gängiger Dateiformate und mehr deutlich. Der Druckvorgang ist nur ein Teil einer komplexen Infrastruktur, einschließlich des automatisierten Lagerauffüllsystems und möglicherweise der Enterprise Resource Planning (ERP) des Verlages. Das „Erst verkaufen, dann drucken“-On-demand-Modell legt die Latte für die Systemverknüpfung zwischen Verlag und Druckproduzent nochmals höher. Anders als bei BLM, wo es ein Minimum von Lagerbeständen gibt, ist beim On-demand-Modell das Einzige, was gelagert wird, die digitale Datei eines jeden Buchtitels. Die Automatisierungsvoraussetzungen bleiben wie bei BLM erhalten, doch der Datenfluss zwischen Verlag und Druckproduzent muss nahtlos und stabil sein.

Für eine traditionsreiche Branche, die mehr von Kreativität und Leidenschaft für Inhalte als von einer Neigung zur Prozessoptimierung geprägt ist, erfordert eine auf Nachfrage basierende Buchproduktion ein grundlegendes Umdenken, damit die wirtschaftlichen Vorteile ausgeschöpft werden können. Prozessoptimierung beginnt dort, wo Daten-Silos eingerissen, die Lieferketten optimiert und eine uneingeschränkte Zusammenarbeit gefördert werden zum Wohl eines gemeinsamen unternehmerischen Ziels.

Sven Fund presenting at Future Book Forum 2017

Digital geboren – neue Wege, neue Geschäftsmodelle

Natürlich erfordert es Zeit und Entschlossenheit, neue Wege der Zusammenarbeit einzuführen. Michaela Philipzen, Produktionsleiterin bei Ullstein Buchverlage in Deutschland, ist eine Befürworterin der Prozessoptimierung durch Standardisierung. Sie ist der Ansicht, dass die Branche den Übergang zum Multi-Plattform-Publishing nicht ohne eine tiefere Integration schaffen kann.

„Wir brauchen nicht über Farbschemen oder emotionale Einflüsse zu diskutieren, bevor wir nicht herausgefunden haben, wie wir die Geschäftsprozesse vereinfachen können, z.B. wie ein Druckjob vom Verlag zum Druckhproduzenten gesendet wird. Es geht darum, im Hinblick auf einfachere Prozesse eine gemeinsame Sprache und Standardschnittstellen zwischen Unternehmen zu entwickeln.“

Dr. Sven Fund, Technologie-Berater für Publishing, brachte auf dem Future Book Forum 2017 seine Überzeugung zum Ausdruck, dass die Verlage besonders im Innovations-Management besser werden müssen. „Derzeit nutzen wir die technischen Möglichkeiten im Verlagswesen nicht vollständig. Es gibt eine Reihe von Verlagen, die immer noch „digitale Analphabeten“ sind – sie haben zwar Zugang zu den digitalen Produkten, aber sie haben das Zeitalter der „Digitalität“ noch nicht vollständig verinnerlicht."

Was versteht man unter „Digitalität“ im Gegensatz zu „Digitalisierung“? Fund definiert es so: „Bei der „Digitalisierung“ handelt es sich um ein Geschäftsmodell, das immer noch druckbasiert ist, bevor bereits vorhandene Inhalte auf eine digitale Plattform übertragen und dann verkauft werden. In einer Umgebung der „Digitalität“ werden bereits die Inhalte digital erstellt, was viele Möglichkeiten für völlig neue Geschäftsmodelle eröffnet.

Marc Freitag, Livonia Print presenting at Future Book Forum 2017

Innovation vorantreiben

Die Verantwortung zur Optimierung der Lieferkette liegt nicht allein beim Verlag. Die Buchdrucker befinden sich genau an der Stelle, um Innovationen voranzutreiben, indem sie den Verlagen die durch die Digitaldrucktechnik ermöglichte Prozessoptimierung, die Rolle von Big Data, die Bedeutung von Standards und die Notwendigkeit, die Schnittstelle zwischen den beiden Unternehmen zu verfeinern, erklären.

Marc Freitag vom lettischen Buchproduzenten Livonia macht deutlich, dass die Druckdienstleister die gleiche Verantwortung haben, um Veränderungen voranzutreiben. „Wenn wir unsere Beziehungen zu Verlegern pflegen und verbessern möchten, müssen wir langfristig denken. Heute sind wir Druckdienstleister. Welche Rolle werden wir auf lange Sicht spielen, wenn das Publizieren immer mehr digitalisiert wird?“

Um Erfolg zu haben, müssen alle Glieder der Kette digital denken, offen zusammenarbeiten und die richtige technische Unterstützung für die Automatisierung und Integration suchen. Um Dr. Sven Fund zu zitieren: „Es gibt zwei Gruppen von Verlagen: Die eine erfindet ihr Geschäft von innen heraus neu – und die andere widersetzt sich der Innovation so lange, bis sie sich auf dem Markt durchgesetzt hat. Es liegt an den Verlagen zu entscheiden, welcher Gruppe sie angehören möchten."

Verfasst von Tino Wägelein, Business Development Manager, Canon Europe


Passende Lösungen

Hier mehr erfahren

Erfahren Sie, wie Sie Ihr Geschäftsmodell an den sich wandelnden Markt der Verlage anpassen können.

Nehmen Sie Kontakt zu uns auf.