INTERVIEW

Dynamisch anders: Clive Booth über das Filmen in HDR

Für Regisseur Clive Booth bot die Produktion eines HDR-Films für Canon die perfekte Chance, das Potenzial der Technologie in Szene zu setzen. „Man kann gar nicht genug betonen, wie aufregend diese Technologie ist.“ © Clive Booth

Der Fotograf, Filmemacher und Canon Botschafter Clive Booth hat während seiner Partnerschaft mit Canon an vielen erfolgreichen Projekten gearbeitet. Sein neuestes Projekt führte ihn nach Indien, wo er den legendären Fotografen Sir Don McCullin mit der EOS C300 Mark II begleitete. Dabei filmte er erstmals in HDR (High Dynamic Range) – mit beeindruckenden Ergebnissen.

Die Zusammenarbeit mit McCullin in Kalkutta bei der Produktion des ersten HDR-Films von Canon Europa machte Clive Booth besonderen Spaß. Die heißen, pulsierenden Straßen von Kalkutta mit ihren satten, kontrastreichen Farben und dunklen, dichten Schatten waren der ideale Ort, um zu zeigen, wie ein HDR-Film den Zuschauern ein realistisches Erlebnis ermöglicht, ohne tatsächlich vor Ort zu sein.

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„Farbe und Kontrast erscheinen in HDR lebensechter“, erklärt Clive Booth. © Clive Booth

„Ganz einfach ausgedrückt können wir mit HDR im Film dem menschlichen Sehvermögen so nah wie möglich kommen“, sagt Clive Booth. „Man kann gar nicht genug betonen, wie aufregend diese Technologie ist.“ Im Film ist HDR allerdings nicht mit der Fotografie zu vergleichen, erklärt er. „In der Fotografie wird mit HDR nur ein Einzelbild mit Mehrfachbelichtungen aufgenommen. Bei bewegten HDR-Bildern muss dagegen jedes Einzelbild während einer einzigen Belichtung so viele Bilddaten wie möglich erfassen. Bei Einzelbildern kann HDR manchmal etwas seltsam aussehen. Bei bewegten Bildern sieht HDR dagegen wie die Realität aus.“

Man kann gar nicht genug betonen, wie aufregend diese Technologie ist.

Es bringt allerdings wenig, einfach nur alle Informationen zu erfassen. Dank ihres großen Dynamikumfangs (15 Blendenstufen bei der Aufnahme in Canon Log 2) und einem breiten Farbspektrum konnte die C300 Mark II bereits seit ihrer Veröffentlichung HDR-Bilder aufnehmen. Das allein ist aber wenig sinnvoll, wenn sich diese Informationen nicht übertragen und anzeigen lassen – die entsprechende Technologie musste also aufholen.

„Glücklicherweise bietet Canon jetzt einige der besten HDR-fähigen Referenzmonitore auf dem Markt an, die das für HDR-Material erforderliche breitere Farbspektrum und die Leuchtdichte unterstützen. Dadurch wird HDR im Film erst möglich“, sagt er. „Die Kameras können schon lange HDR aufnehmen – es geht also nicht um das Eingangssignal, sondern um die Nachbearbeitung und Bereitstellung des Materials.“

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Kalkutta ist eine der am dichtesten besiedelten Städte in Indien. Die heißen, pulsierenden Straßen von Kalkutta mit ihren satten, kontrastreichen Farben und dunklen, dichten Schatten waren der ideale Ort, um zu zeigen, was mit HDR möglich ist. © Clive Booth

Als Monitor verwendete Clive Booth den 4K-Referenzmonitor Canon DP-V2420. Dessen von Canon entwickelter Bildprozessor ermöglicht zusammen mit einem von RGB-LEDs hinterleuchteten System und einem neu entwickelten IPS-LCD-Monitor eine originalgetreue Farbwiedergabe. Ohne den Monitor wäre das Grading des Bildmaterials mit einem hohen Dynamikumfang unmöglich gewesen.

„Canon Log 2 verfügt über den höchsten Dynamikumfang in der Cinema EOS Serie von Canon“, erklärt Clive Booth, „und bei der C300 Mark II haben wir durchgehend mit den integrierten variablen ND-Filtern gearbeitet, um die Belichtung nach und nach zu reduzieren. Die Helligkeit wurde mit dem Waveform-Monitor der Kamera gesteuert.“

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„Die Fischmarkt-Szenen zeigen sehr schön, wie mit HDR alle Details in hellen und dunklen Bildbereichen erhalten bleiben“, so Clive Booth. © Clive Booth

Nachbearbeitung

Richtig mit HDR beschäftigt hat sich Clive Booth jedoch erst im Schneideraum zu Hause in London. „Um die Bearbeitung zu beschleunigen, haben wir über 15 Stunden Bildmaterial von vier Aufnahmetagen in Indien recodiert. Tristram Edwards, der seit zehn Jahren als Redakteur für mich arbeitet, kümmerte sich eine Woche lang um die Auswahl in Adobe Premier, und anschließend stellten wir einen Rohschnitt zusammen. Nach weiteren zehn Tagen waren wir bei Schnitt 35 angelangt und bereit für das Grading“, erklärt er. „Die Nachbearbeitung haben wir bei Nice Biscuits in London mithilfe von DaVinci Resolve für das Grading durchgeführt.

An dieser Stelle wurde es mit HDR wirklich interessant“, sagt er. „Unser Ziel war es, zwei Versionen des Films zu erstellen: eine in SDR (Standard Dynamic Range) und eine in HDR. Chris Clarke, unser Kameramann, Ollie, unser Kolorist, und ich begannen mit dem Grading in HDR auf dem DP-V2420. Um den typischen Kino-Look zu erzielen, mussten wir die Lichter etwas reduzieren und den Kontrast erhöhen. Anschließend fügten wir die Aufnahmen von Don McCullin an geeigneten Stellen im Film ein und versahen sie mit einer höheren Farbsättigung, um ihre Bedeutung zu unterstreichen. Er verwendete eine EOS 5D Mark IV mit 14 Bit, sodass seine Bilder auf dem Monitor wirklich hervorstachen.“

Durch die Aufnahme in HDR wird Ihre Arbeit zukunftssicher.

„Wir mussten mit einem gewaltigen Dynamikumfang von bis zu 1.000 cd/m² arbeiten – bei SDR sind es nur etwa 100 cd/m². Der Weißpunkt des Monitors war so hell, dass man ihn kaum ansehen konnte. Es war unglaublich.“

A fishmonger is perfectly captured in low light, in Kolkata.
Ein Fischverkäufer wurde bei wenig Licht perfekt erfasst. „Ganz einfach ausgedrückt können wir mit HDR im Film dem menschlichen Sehvermögen so nah wie möglich kommen“, sagt Clive Booth. © Clive Booth

Clive Booth weiter: „Der Film gefiel uns inzwischen sehr gut, und in HDR wurden Details in den hellsten und dunkelsten Bildbereichen sichtbar, die in SDR nicht auszumachen waren. Die Farbskala war breiter, und alles sah so echt aus wie in der Realität. Wir hätten sehr leicht das Kontrastverhältnis so sehr erhöhen können, dass die Farben zu hell und kräftig erschienen hätten; wir gingen jedoch sehr vorsichtig vor, um den gewünschten Kino-Look nicht zu verfälschen.

„Mit dem HDR-Grading als Orientierung verbrachte unser Kolorist Ollie einen ganzen Tag mit der SDR-Konvertierung. Chris und ich halfen ihm am nächsten Tag beim Abschluss des Prozesses. Insgesamt würde ich sagen, dass das HDR- und SDR-Grading zusammen etwa eineinhalb Gradings entspricht.“

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Die Schlussszene des Films ist eine ergreifende Reminiszenz an Don McCullins lange Karriere und Reise als Fotograf. „Durch die Aufnahme in HDR wird Ihre Arbeit zukunftssicher“, so Clive Booth. © Clive Booth

„Nach der jahrelangen Arbeit mit SDR dauerte es eine ganze Zeit, bis wir uns an HDR gewöhnt hatten, aber danach gab es absolut keinen Vergleich und erst recht kein Zurück mehr. Ich werde in Zukunft nur noch in HDR arbeiten, weil es sicher schon bald der neue Standard und bei Kanälen wie BBC, Amazon und Netflix Voraussetzung sein wird. Die Arbeit wird also zukunftssicher. Dabei ist die Frage nicht ob, sondern wann. Wir leben in einer sehr aufregenden Zeit, in der immer mehr HDR-Inhalt entsteht. Auch rückblickend ist es eine tolle Sache, weil auch bereits aufgenommene Inhalte in HDR konvertiert werden können. Es gibt also nur Gewinner!“


Weitere Informationen zur EOS C300 Mark II und zum DP-V2420 finden Sie auf den Produktseiten. Die Dokumentation über McCullin in Kalkutta können Sie sich hier ansehen.

Verfasst von David Corfield


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