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Blickfeld: Tara Pixley, Gründerin von Reclaim Photo dazu, weshalb Fotojournalismus mehr Vielfalt benötigt

Mike Daniels, Football-Spieler der Green Bay Packers und sein Bruder Sean Daniels nahmen am 20. Juli 2017 erstmals an der Comic Con San Diego teil. Sie nahmen als Cosplayer in Form der Naruto-Brüder Raikage und Killer Bee teil. Terrence Pryor, ein Freund der Familie, albert während der Kostümierung mit Mike herum. „Einen NFL-Spieler zu begleiten, der beim Cosplay mit seinem Bruder und seinen Freunden so komisch, spitzbübisch und für alles zu haben ist, war großartig für Fotos“, sagt Tara. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark III mit Objektiv Canon EF 24-70mm f/2.8 IS USM. © Tara Pixley

In unserer neuen Artikelserie geben wir führenden Vertretern der Branche Gelegenheit, ihre Meinung zu einem heißen Thema zu erläutern. Hier kommentiert Tara Pixley, redaktionelle und Reportagen-Fotografin aus San Diego und Gründerin von Reclair Photo, einer Allianz von Organisationen zur Förderung der Vielfalt im Fotojournalismus, warum die Branche mehr Fotografen verschiedener Hintergründe benötigt.

„Ich arbeitete während der Proteste in Ferguson als Fotoredakteurin – die Bürgerunruhen in Ferguson, Missouri, folgten auf die tödlichen Schüsse auf den afroamerikanischen Teenager Michael Brown durch den weißen Polizisten Darren Wilson am 9. August 2014. Aus den Bildern, die versendet und in den traditionellen Nachrichtenmedien veröffentlicht wurden, konnte ich eine einheitliche visuelle Erzählung erkennen. Ich fragte mich, wie viele dieser Fotojournalisten und Fotoredakteure die gleiche Perspektive haben, weil sie den gleichen Hintergrund besitzen: Sie gehören der Mittelklasse an, sind weiß, westlich, männlich.

„Es ist nicht so, dass nur Menschen bestimmter Hintergründe bestimmte Geschichten fotografieren sollten – schließlich war Robert Frank ein Außenseiter, der in seinem Buch „The Americans“ eine Kultur in einer frischen und kraftvollen Weise fotografierte. Aber die Kenntnis der gelebten Erfahrungen der fotografierten Personen öffnet alternative Möglichkeiten, sie darzustellen.“

Women in theatrical dance costumes wait to go on stage.
Burlesque-Tänzerinnen der Truppe Atlanta Dames Aflame albern vor einer Show am 13. Februar 2010 in Atlantas Club Paris of Ponce auf der Bühne herum. „Die pure Freude an der Show und die gegenseitige Zuneigung ist das, was ich festhalten konnte, als ich diese Truppe von Tänzerinnen dokumentierte“, sagt Tara. „Da ich einen Hintergrund in der Welt von Tanz und Theater habe, macht es mir immer Spaß, wenn ich mit Künstlern hinter der Bühne abhängen und Bilder machen kann – und ich glaube, das führt zu einigen meiner besten Arbeiten." Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark II mit Objektiv Canon EF 17-55mm f/2.8 IS USM. © Tara Pixley

„Während der Proteste in Ferguson zeigte sich, wie der Stil des Fotografen Ruddy Roye von seiner Perspektive als US-Amerikaner jamaikanischer Abstammung und Schwarzer beeinflusst wurde. Seine Arbeit rückte die Menschlichkeit des schwarzen Körpers in den Vordergrund, auf eine Art und Weise, die in anderen Medienbildern zu dieser Geschichte selten zu sehen war. Das fand bei vielen Menschen Widerhall, da seine Bilder der typischen Sichtweise der Nachrichtenmedien auf Afroamerikaner als Verbrecher oder Opfer widersprachen.“

A father and daughter sit in their living room, the daughter covering her dad’s eyes playfully.
Eliza Peterson, 6, und ihr Vater, Allen Peterson, spielen zu Hause in Kirkwood, Atlanta, Georgia. Das war am 5. August 2011 als die Familie, sich vorbereitete, Eliza wieder in die Schule Toomer Elementary zu schicken, während ein Betrugsskandal die staatlichen Schulen in Atlanta erschütterte. „Diese Familie war unglaublich freundlich und liebevoll. Es war wunderbar, die Beziehung zwischen Vater und Tochter während der Schulmorgenroutine zu beobachten", sagt Tara. Aufgenommen für The New York Times mit einer Canon EOS 5D Mark II mit Objektiv Canon EF 35mm f/1.4L II USM. © Tara Pixley

„Wir reden viel über die Notwendigkeit der Diversifizierung des Fotojournalismus, aber es gibt weniger Diskussionen darüber, warum das Problem existiert. Ein Grund dafür sind die erforderlichen Mittel, um Zugang zur Branche zu erhalten. 15-jährige Farbige oder Neueinwanderer haben oft nicht das Geld für eine Kamera oder für Schulungen in der Fotografie. Wenn Sie schreiben möchten, müssen Sie eine Praktikantenstelle finden, aber sie brauchen keine spezielle Ausrüstung und kein technisches Fachwissen.

„Ich kenne einige wunderbare Journalisten in der Branche, die über Menschen und Geschichten berichten möchten, die aber oft nicht erkennen, dass sie von vornherein privilegiert waren. Sie glauben, dass sie ihren Status allein beruflichem Können und Fleiß verdanken. Beides mag wahr sein, aber es könnte auch sein, dass ihre Eltern es sich leisten konnten, ihnen ein Leben in New York während ihrer unbezahlten Praktika zu finanzieren oder dass die Eltern ihnen während des Studiums große Reisen finanzierten, auf denen sie dann Aufnahmen machen konnten, die ausgezeichnet wurden und ihnen damit das Tor zur Branche öffneten.“

A woman in a tie-dye dress leaps in front of a series of white brick columns, under a blue sky with dramatic clouds.
Porträt der Tänzerin Nneka Kelly aus Atlanta mit Skulpturen in Atlanta, Georgia, im März 2010. „In einer Ecke von Atlanta, die gerne übersehen wird, findet sich diese öffentliche Kunstinstallation“, sagt Tara. „Als diese Tänzerin um einen einzigartigen Ort bat, der nicht oft bei Porträts auftaucht, war dies einer der ersten Orte, die mir dazu einfielen." Aufgenommen mit einer Canon EOS 50D mit Objektiv Canon EF 17-55mm f/2.8 IS USM. © Tara Pixley

„Flüchtlinge und Einwanderer, verarmte Afroamerikaner, Menschen, die von US-amerikanischen Fotografen so oft fotografiert werden – verfügen oft nicht über die Ressourcen und den Zugang zu ihren eigenen Geschichten. Aber ihre Gesichter und Erfahrungen werden zum Treibstoff der Stipendien, Preise und erfolgreichen Karrieren anderer, die sich ein solches Leben nicht einmal vorstellen können, und auch kaum verstehen.“

„Als Dozentin für Fotojournalismus habe ich farbige Studenten, die mir sagen: „Ich wusste gar nicht, dass Leute wie wir so einen Job haben können“, und das spiegelt meine eigenen Erfahrungen wider. Als ich drei Jahr alt war, begann ich mit meinem Vater, National Geographic zu lesen. Ich sah mir die Bilder an, las den Text, und dachte dabei nie, dass ich sie eines Tages beisteuern würde. Ich kannte niemanden in meinem Umfeld, der Journalist war. Erst in der High School, als ich die Chance hatte, für Atlantas Studentenzeitung für Kinder im Stadtzentrum zu arbeiten, traf ich Journalisten, die so aussahen, wie ich. Ich hatte Glück, mit Ferienjobs konnte ich während des Studiums genug sparen, um mir eine Kamera zu kaufen. Aber das allgemeine Bild eines Fotojournalisten ist nicht das eines schwarzen Mädchens.

Wie können wir die bestmögliche Arbeit leisten, wenn es nur eine Perspektive gibt, aus der diese Geschichten erzählt werden?

„Es gibt auch diesen Gedanken wohlwollender Absicht – Zeugnis der menschlichen Güte abzulegen – was beeinflusst, wie wir uns selbst als Fotojournalisten sehen. Vielleicht haben wir uns dahinter versteckt. Wir müssen uns selbst auf die gleiche Art und Weise hinterfragen, wie wir das bei unseren Motiven tun. Wir sprechen über Unterdrückung und repressive Regimes, aber wir richten das Objektiv nicht auf uns selbst. Ich liebe diesen Beruf, und ich möchte ihn nicht schlecht machen; ich möchte ihn besser machen. Wie können wir denn die bestmögliche Arbeit leisten, wenn es nur eine Perspektive gibt, aus der diese Geschichten erzählt werden? Wir brauchen eine Vielzahl von Stimmen.“

Three portraits show the same young black man in a smart suit with purple tie.
Niclaos Almonar, Musikkünstler aus Brooklyn, posiert für Tara als Teil einer Porträtserie über homosexuelle farbige Menschen. „Niclaos ist ein vollendeter darstellender Künstler und weiß genau, wie man auf eine Kamera eingeht, was mir das Gefühl gab, dass alle Aufnahmen gut waren. Es war schwer, nur ein Bild auszuwählen, und ich entschied mich letztlich für ein Triptychon, um ein Gefühl von ihm über mehrere Bilder zu vermitteln“, sagt Tara. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark II mit Objektiv Canon EF 50mm f/1.4 USM. © Tara Pixley

„In der Schule habe ich so viel über die alltägliche Rolle von Fotojournalisten gelernt, aber niemand sagte uns, wie unsere Arbeit bestimmte Gemeinschaften beeinflusst. Die Studenten sollten neben der journalistischen Produktion auch kritische Theorie lernen, sodass sie bereit sind, wahre Geschichten von der Welt zu erzählen, die nicht nur auf Stereotypen beruhen. Darüber hinaus brauchen wir auch Vielfalt und eine kulturelle Kompetenzausbildung in den Redaktionen.

„Seit mein erstes Bild und meine erste Geschichte in einer regionalen Zeitung veröffentlicht wurden, als ich 15 war, habe ich in sieben oder acht Redaktionen gearbeitet. Als ich mir eine Pause von der Vollzeitarbeit als Fotojournalistin und Fotoredakteurin für meine Doktorarbeit nahm, begann ich zu verstehen, dass die vielen Eingriffe bei redaktionellen Entscheidungen, die ich im Laufe der Jahre hatte machen wollen, aber aus Angst nicht gemacht hatte, ein Anzeichen für ein Problem waren, das die ganze Branche betraf. Ich nahm kein Blatt mehr vor den Mund, und das hatte immense Auswirkungen für mich. Ich kam zur Überzeugung, dass ich einer noch breiteren Öffentlichkeit meine Sicht vermitteln sollte. Ich begann, mich auf die Vielfalt im Fotojournalismus zu konzentrieren, weshalb ich Reclaim Photo gründete, ein Bündnis von fünf Organisationen, diese Vielfalt zu fördern.“

A soldier leans out of a window in a white wall, looking and pointing his rifle to his left.
Marines sichern während einer gemeinsamen Übung US-amerikanischer und japanischer Truppen in Camp Pendleton, Kalifornien, am 20. Februar 2014 ein Attrappendorf. „Bei diesem Shooting waren Organisation und Kommunikation zwischen den Soldaten bei der Durchführung einer Routineübung besonders auffällig“, sagt Tara. „Ich habe nie den Wunsch gehabt, ein Kriegsfotograf zu sein, daher haben mir diese Aufnahmen für vieles die Augen geöffnet." Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark II mit Objektiv Canon EF 35mm f/1.4L II USM. © Tara Pixley

„Anfangs hatte ich vor, eine Plattform zu entwickeln, um Fotoredakteure mit nicht-westlichen Fotografen in Kontakt zu bringen, aber ich fand heraus, dass dies bereits über die Datenbank für Afrikanischen Fotojournalismus von World Press Photo erfolgte. Für meine wissenschaftliche Forschung interviewte ich Organisationen, die im Bereich Diversität tätig sind: The Everyday Projects, Native, Majority World, Women Photograph und Minority Report, die zusammen Reclaim Photo bilden. Wir haben uns entschieden, gemeinsam an einer Umfrage über die Erfahrungen der im Fotojournalismus Beschäftigten zu arbeiten, die bis zum 1. Februar 2018 lief. Indem wir Daten über ihre Erfolge und Probleme sammeln, hoffen wir, Muster zu ermitteln, über die wir das Problem verstehen, die Daten veröffentlichen und Empfehlungen geben können, um so an einer besseren Integration in der Branche zu arbeiten.

„In den USA gibt es einen Trend hin zu einer größeren Vielfalt in vielen Sektoren, aber einfach mehr Frauen oder mehr Farbige zu beschäftigen, wird das Problem nicht lösen. Sie werden nicht unbedingt die Schnittmengenprobleme erfassen, denen unterschiedliche Gruppen gegenüberstehen. Wir alle haben Vorurteile, und wir müssen lernen, uns ihnen zu widersetzen. Deshalb ist Bildung so wichtig. Ein Teil der Funktion des Fotojournalismus sollte es sein, unserer Jugend eine Position zu geben, in der sie sich als Geschichtenerzähler sieht, nicht als Teil der Geschichte."


Weitere Informationen zur neuesten Kamera der Canon EOS 5D Serie finden Sie auf der Produktseite zur Canon EOS 5D Mark IV.

Verfasst von Rachel Segal Hamilton


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