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FOTOGRAFIEREN FÜR MEHR

Ein Porträt über Bonnie Chiu

Lensational bringt Frauen überall auf der Welt die Fotografie näher, damit sie ihr eigenes Leben dokumentieren und mit dem kreativen Storytelling ein Einkommen generieren können. Wir haben uns mit der Gründerin Bonnie Chiu getroffen, um mehr über die Arbeit ihrer Wohltätigkeitsorganisation zu erfahren. Wir wollten herausfinden, was sie dazu inspiriert hat, das Leben so vieler Menschen mit der Fotografie zu verändern. Und wir wollen natürlich alles über ihre erstaunlichen Erfahrungen wissen, die sie in den fünf Jahren seit der Gründung von Lensational gemacht hat.

Warum sind Sie der Meinung, dass Bilder so unwiderstehliche Geschichten erzählen können?

Ein Bild erzählt tausend Geschichten. Die Fotografie ist eine universelle Ausdrucksform, die in jeder Kultur und Sprache verstanden wird. Ein Foto kann ganze Geschichten erzählen, Emotionen hervorrufen und den Horizont erweitern. Dennoch ist sie für viele Menschen in Entwicklungsländern unerreichbar.


Wie kann die Fotografie das Leben verändern?

Die Fotografie hat die Fähigkeit, die Zeit einzufrieren, zu kommunizieren, zu interpretieren und insgesamt ein Porträt sowohl von dem zu zeichnen, was wir sehen und auch von dem, wie wir uns selbst sehen. Bilder überwinden Zeit und Grenzen: Ein Bild spricht jeden auf seine ganz eigene visuelle Art an.

Es eröffnet unendliche Möglichkeiten, etwas Einzigartiges zu schaffen, das auch gesellschaftliche Fragen beleuchten kann. Dieser Prozess zeichnet auch das feministische Mantra aus: Das Persönliche ist das Politische. Und dies ist sicherlich der erste Schritt zu Veränderung und Verständnis.


Was hat Sie dazu inspiriert, den Frauen eine Kamera an die Hand zu geben?

2011 habe ich auf einer Reise vier türkische Mädchen getroffen. Wie jeder Tourist habe ich viel fotografiert und ich brachte ihnen bei, auch selber Bilder zu machen. Es war wirklich erfrischend, die Welt durch ihre Augen zu sehen – in den Medien werden muslimische Mädchen ganz speziell dargestellt – und es war äußerst interessant, eine Seite zu sehen, die ganz anders war, als viele Vorurteile. Dadurch wurde mir klar, dass die Fotografie eine universelle Sprache ist, die sich über alle Grenzen hinweg setzt.

Zwei Frauen mit einer Canon Kamera

© Francis Kokoroko


Wir geben Sie den Frauen mit Lensational neue Impulse?

Lensational zielt darauf ab, Frauen aus sozialen Randbereichen auf selbsttragende Weise zu erreichen. Wir verfolgen den Fortschritt unserer Studenten und stellen ihre Arbeiten einem weltweiten Publikum vor. Die Frauen können ihre Bilder auf unserer Online-Plattform teilen, auf Ausstellungen zeigen und auch über unsere Partner – wie beispielsweise Getty Images – veröffentlichen. Die Hälfte der Erträge fließt als Verdienst an die Frauen zurück, und die andere Hälfte geht an Lensational als Investition in unsere weitere Arbeit.

Mit nur ein paar inspirierenden Fotos von starken, weiblichen Vorbildern, können junge Mädchen und Frauen die ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nicht realisieren. Unsere Bilder bei Lensational wollen das ändern.


Mit wie vielen Frauen hat Lensational bisher zusammen gearbeitet?

Wir haben eine Gemeinschaft von mehr als 100 Freiwilligen in 25 Ländern und haben 700 Frauen und Mädchen in 20 Ländern in Afrika und Asien geschult.


Frauen beim Fußballspielen

© Lucy Tabu


Welches Bild hat Sie am meisten inspiriert?

„A Touch of Pink“ (es ist oben auf der Seite abgebildet) – es wurde von einer Arbeiterin in einer Kleiderfabrik mit dem Namen Yasmin Islam Eva im Jahr 2015 in Dhaka, Bangladesh, aufgenommen. Die Kleiderfabriken bieten den Frauen vom Land und nur einer geringen Bildung die besten Möglichkeiten, eine Arbeit zu finden. 80 % der Angestellten in dieser Industrie sind Frauen. Aber sie werden völlig unterbezahlt und erhalten für ihre Arbeit nur selten Anerkennung von Familie und Gesellschaft. Und Unfälle am Arbeitsplatz und Arbeitsmissbrauch – wie der Einsturz der Fabrik Rana Plaza 2013 – bleiben in dieser Branche allen in Erinnerung. Aus diesem Grunde haben wir unser Projekt ins Leben gerufen und bringen den Arbeiterinnen nun bei, ihre Geschichten zu erzählen. Für mich ist das mitunter sehr persönlich, da meine Großmutter 20 Jahre lang unter widrigsten Umständen als Arbeiterin in einer Kleiderfabrik gearbeitet hat.

Dieses Bild bezauberte mich wegen des Kontrastes zwischen den farbenprächtigen Rosen und der Beton-Skyline von Dhaka. Ich fühlte mich sofort auf das Dach der Fabrik versetzt, so als ob ich die Frau wäre, die das Bild aufgenommen hat. Trotz aller widrigen Umstände neigen die Menschen dazu, überall nach Schönheit zu suchen. Und manchmal sind es die kleinen schönen Dinge, an denen wir uns festhalten, um einen Sinn zu finden.


Was haben Sie durch die Fotos über die Frauen gelernt?

Weil wir mit den am stärksten benachteilgten Frauen der Welt arbeiten, könnte man denken, dass ihr Leben voller Verzweiflung und Traurigkeit ist. Aber das stimmt nicht. Es ist dieses einseitige Klischee, das uns über Jahrzehnte dieses „Armutsmärchen“ glauben gemacht hat. Ihr Leben ist so reich an Farben und vielfältigen Erfahrungen – aber alle haben ein gemeinsames Thema: eine enorme Belastbarkeit.


Was würden Sie zu jemandem sagen, den Sie inspirieren möchten, raus zu gehen und mit Bildern Geschichten zu erzählen?

Meine Idee, Frauen durch die Fotografie zu stärken, setzte ich erstmals am internationalen Frauentag 2013 mit einer Facebook-Seite um. Ich war erst 20 Jahre alt und hatte keine Vorstellung davon, dass diese Idee überall auf der Welt so unglaublich viel Resonanz erhalten würde. Ich hoffe, dass dies die Menschen dazu inspirieren wird, rauszukommen und die Kraft der Fotografie zu nutzen, um eine Geschichte zu erzählen – egal wie klein sie am Anfang erscheint. Man weiß nie, welche Auswirkungen sie haben kann.


Wie sieht Ihre Vision für die Zukunft aus?

Bei Lensational stellen wir uns eine Welt vor, in der sich Frauen aus der ganzen Welt durch die Fotografie frei äußern, ihre Wünsche erfüllen und in Würde dargestellt werden können.


Frauen lernen den Umgang mit einer Kamera

© Alison Joyce


Das hat Bonnie Chiu in ihrer Kameratasche:

Kameras:

Canon EOS 600D

Objektive:

Canon EF-S 18-55mm f/3.5-5.6 IS STM Objektiv

Canon EF 50mm f/1.8 STM Objektiv



Rechte am Interview: Verfasst von Ross Cockrill und John Coomber