Wir treffen Street-Fotograf Erik Witsoe, der den Alltag Tag für Tag mit seinen Bildern festhält.

Erik Witsoe

@ewitsoe

Ungewöhnliche Momente inspirieren den Street-Fotografen Erik Witsoe, immer weiter nach neuen Geschichten zu suchen. Wir haben etwas intensiver nachgehakt, um herauszufinden, wie Erik die Magie des Alltags einfängt.

Entdecken Sie, wie er während der sich wandelnden Jahreszeiten in den Straßen von Warschau deren wechselnden Stil fotografiert.

Fangen wir am Anfang an, Erik – wie bist du zur Fotografie gekommen?

Als ich aufwuchs, waren um mich die ganze Zeit Kameras herum. Mein Großvater und meine Eltern hatten Kameras – aber niemand hatte dazu ein besonders intensives Verhältnis. Ich habe eigentlich als Künstler angefangen und als ich zur Kunstschule ging, war auch ein Fotolehrgang dabei. Meine Großmutter hat mir dann meine erste Kamera gekauft. Alles, was ich gelernt habe, resultiert aus meiner Perspektive der bildenden Kunst.

Meine wahre Leidenschaft für die Fotografie entwickelte sich vor etwa 12 Jahren, als ich in eine kreative Krise hatte – ich habe weder gezeichnet noch gemalt. Meine Verlobte ist eine begeisterte Fotografin und sie sagte einfach: „Du solltest es mal mit der Fotografie versuchen.“ Sie gab mir einige kurze Tipps, wie man mit der Kamera umgeht – und dann fing ich an damit zu arbeiten und verliebte mich in die Fotografie.

Wir sind besonders an deiner Street-Fotografie interessiert. Kannst du uns etwas mehr darüber erzählen, was dich dazu motiviert hat, diese Geschichten einzufangen?

Es ist nichts, was ich mir im Vorfeld so vorgestellt hatte – ich betrachte mich immer noch nicht wirklich als Street-Fotograf. Ich bin mehr davon fasziniert, wie diese kleinen Momente und Erinnerungsfetzen an uns vorbeiziehen. Ich mag die Idee, dass mein Leben ein Film ist und ich halte einfach nur kleine Einzelbilder davon fest.

Ich fotografierte immer das, von dem ich dachte, dass es andere Leute sehen wollten. Aber das funktionierte für mich nicht – ich wurde frustriert, weil ich damit begann, die Dinge auszublenden, die mich eigentlich zum Schmunzeln bringen. Wenn ich durch die Gegend streife, habe ich keine Vorstellung davon, was ich entdecken werde. Es ist immer genau das, worüber ich stolpere.

Ich versuche, nur die Schnipsel zu zeigen, die mich bewegen. Es könnte ein kleines Detail sein, der Schatten oder Hinterkopf einer Person – es sind diese flüchtigen Blicke, die meine Aufmerksamkeit erregen.

Frau läuft auf der Straße

@ewitsoe

Hast du festgestellt, dass sich Mode und Stil geändert haben, seitdem du die Geschichten in den Städten einfängst?

Das Beste am Leben in einem fremden Land ist, in die Rolle des Beobachters zu schlüpfen. Das macht alles interessant – was auch bedeutet, dass man jede kleine Veränderung bemerkt.

Polen hat schnelllebige Trends, vor allem bei den jungen Leuten. Wenn man an einem Sonntagmorgen hinausgeht und sieht, wie ältere Generationen in die Kirche gehen, wirken deren Kleider oft sehr altmodisch. Hier gibt es eine echte Gegenüberstellung zwischen den Jahrhunderten.

Welche Ausrüstung verwendest du zusätzlich zu deiner Canon EOS 6D Mark II?

Wenn es um die Street-Fotografie geht, bin ich ein echter Minimalist mit dem Kit. Wenn man ständig unterwegs ist, möchte man sich nicht mit sperrigen Taschen belasten.

Ich nehme das Canon EF 50mm f/1.2L USM Objektiv und manchmal ein Stativ, wenn ich unterwegs ruhige Aufnahmen machen will.

Wir haben eine filmische Qualität in deinen Geschichten bemerkt – ist das Absicht?

Ich wuchs mit einer großen Dosis Kino auf, mein Vater nahm mich zu jedem neuen Film mit ins Kino – es war seine Art, eine Beziehung zu meinem Bruder und mir aufzubauen. So sehe ich die Dinge natürlich dynamisch und denke auch heute noch in Spielszenen. Deshalb fotografiere ich gerne über die Schultern der Menschen hinweg – oder aus der Sicht eines Protagonisten mit Blick auf einen Hinterkopf. So werden diese Fremden zu Charakteren, die ich in meine Arbeit integriere.

Hinterkopf einer Frau im Bus

@ewitsoe

Erik, du bist in Amerika aufgewachsen, aber jetzt lebst du in Polen. Hat sich die Art und Weise verändert, wie du auf der Straße fotografierst?

Mein Stil hat sich definitiv geändert. Als ich das erste Mal in Polen ankam, mochte ich es nicht, Menschen im Bild zu haben – ich wartete so lange auf der Straße, bis niemand mehr da war. Mir wurde aber klar, dass dies langweilig war, mir fehlte der Charakter – der Protagonist.

Polen ist ein sehr fußgängerfreundlicher Ort, während sie in Amerika von Autos und dem Autofahren besessen sind. Ich glaube, deshalb fühlte ich mich anfangs unwohl dabei, die umher laufenden Menschen zu fotografieren – ich war das einfach nicht gewohnt. Das hat sich definitiv verschoben, als ich mich daran gewöhnt hatte.

Du arbeitest vorwiegend in deinem aktuellen Wohnort Warschau – davor in Poznan. Wie entdeckst du deine neuen Geschichten?

Eine Sache, die ich sehr an Polen liebe, ist der saisonale Bezug des Lebens. Ich kann jeden Monat auf derselben Straße fotografieren und jedes Mal etwas anderes einfangen, weil es neu aussieht und sich neu anfühlt. Außerdem sind die Menschen auch anders gekleidet, um den saisonalen Veränderungen Rechnung zu tragen. Es gibt Zeiten, in denen ich immer wieder an den gleichen Orten fotografiert habe – ich habe dann eine Reihe von Bildern aus dem gleichen Blickwinkel und jedes sieht anders aus.

Auf welche Geschichte oder Sammlung von Geschichten bist du am meisten stolz?

Es gibt eine, die wohl meine bekannteste Geschichte ist, sie heißt „This Morning“. Das Bild ist von einer Straßenbahn, die eine Straße hinunterfährt, und es sieht aus wie im violetten Abendrot – aber es ist eigentlich am Morgen. Das Bild sieht aus wie aus den 1950er Jahren, wurde aber 2012 gemacht – es mir gezeigt, wie nostalgisch Polen als Land wirken kann. Das fühlte sich für mich und wie ich mein neues Zuhause sah wie ein Wendepunkt an.

Wenn du Fremde fotografierst, fühlst du dich dann in deren privaten Momente einbezogen?

Ich bin sehr sensibel, was das persönlichen Umfeld anderer Menschen betrifft. Ich versuche deshalb, diesem Umfeld Raum zum Atmen zu geben. Ich dränge die Leute nicht, ich versuche, rücksichtsvoll zu sein.

Dennoch bin ich darauf aus, authentische, alltägliche und oft flüchtige Momente festzuhalten. Das ist manchmal schwer umzusetzen.

Frau im Bus schaut aus dem Fenster

@ewitsoe

Hast du einen Ratschlag für jemanden, der mit der Street-Fotografie anfängt?

Ich fotografiere alles, was mich zum Schmunzeln bringt – also finde die Dinge, die für dich interessant sind und lasse mich dann treiben. Erfahre mehr über Komposition und Bildausschnitt. Finde heraus, wie du das Beste aus deiner Kamera herausholst und dein Objektiv sinnvoll einsetzt. Wenn du diesen Empfehlungen folgst, wird sich dein Stil wie von selbst entwickeln.

Wie siehst du die Entwicklung bei deiner Street-Fotografie?

Ich bin auf der Suche nach noch mehr projektbasierten Bildern. Nachdem ich über ein Jahrzehnt lang auf der Straße fotografiert habe, mag ich die Idee, mit Ausstellungen oder Projekten zu wachsen, die linearer sind und eine stärkere Erzählung haben.

Eriks Kameratasche

Canon EOS 4000D

Canon EF 50mm f/1.2L USM

Canon EOS 6D Mark II

Die Antworten wurden zur besseren Klarheit überarbeitet.



Rechte am Interview: Verfasst von Sasha Newbury