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Porträtfotografie mit Jörg Kyas

Jörg-Kyas-drapiertes-Mädchen©Jörg Kyas. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5DSR mit einem EF 35mm 1:4L II USM Objektiv; die Belichtungszeit betrug 1/160 Sek. bei Blende 9, ISO 200.

Porträts gehören zu den häufigsten Fotos, die wir machen und sie scheinen ganz einfach zu sein. In Wirklichkeit ist es aber ziemlich schwierig, dabei seinen eigenen Stil zu entwickeln. Wir sprachen mit dem renommierten Porträtfotografen und Canon Explorer Jörg Kyas über seine Porträtbilder und wie er mit seinen persönlichen und professionellen fotografischen Vorstellungen umgeht.

 

Die frühen Jahre

Es gibt viele verschiedene Wege zur Fotografie. Einige können sich genau an den Moment erinnern, als sie bemerkten, dass sie damit eine Karriere starten könnten, aber bei Jörg Kyas kam diese Leidenschaft in Schüben.

„Alles begann, als ich ein Teenager war. Ich interessierte mich für Kameras, aber es drehte sich mehr um die Technik als um die Bilder. Ich stand gemeinsam mit einem Freund in einer Art von Wettstreit darüber, wer mehr über Kameras wusste. Wir verbrachten viel Zeit beim Spielen im Wald, um Bilder von Raubvögeln zu machen und waren dabei sehr erfolglos. Später habe ich in meiner selbst gebauten Dunkelkammer Schwarzweißfilme entwickelt. Ich habe recht früh erkannt, wie ein Fehler am Anfang das Endergebnis zerstören kann.

Sein Umgang mit dem Film brachte Jörg dazu, mehr Aufmerksamkeit auf Dinge wie Bildauswahl und Bildkomposition zu richten. „Ich habe angefangen die Dinge genauer zu betrachten. Das hat meinen Blick geschärft und ich habe mich mehr für das Berufsbild des Fotografen interessiert. Alls ich mich dann für eine Karriere entschied, fragte ich mich, was mich dabei glücklich macht. Worin bin ich gut?“ Jörg lacht: „Ich musste ehrlich zu mir selbst sein, dass ich vielleicht kein Geld mit Fußball verdienen konnte, also wurde mir klar, den fotografischen Weg zu gehen.“

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© Jörg Kyas. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5DSR mit einem EF 70-200mm 1:2,8L IS USM Objektiv; die Belichtungszeit betrug 1/11 Sek. bei Blende 11, ISO 100.

Wie findet man seine Komfortzone

Hier erzählt er uns wie er sie gefunden hat. Jörgs Weg mag ziemlich traditionell erscheinen. Er studierte in den späten 90er Jahren Fotografie an der Kunsthochschule und begann seine Karriere als Fotoassistent, bevor er an die Universität in Dortmund zurückkehrte, um dort sein Studium der visuellen Kommunikation erfolgreich abzuschließen.

Als freier Fotograf machte er seine Erfahrungen mit verschiedenen Musikfirmen, die ihn für Fototermine auf der ganzen Welt zu interessanten Künstlern und Musikern führten – vor Kulissen wie Kuba, Sao Paulo und Paris.

Dieser Zugang zu Prominenten und weniger Prominenten war wie ein Crashkurs in die Welt der Porträtfotografie.

Porträtfotografie

Die Porträtfotografie ist eine einzigartige Disziplin. Viele Leute sind vor der Kamera schüchtern oder sind nicht daran gewöhnt im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Es ist nicht immer leicht, die Persönlichkeit eines Menschen einzufangen, wenn er bei der Aufnahme verunsichert ist. Auf die Frage, wie er die porträtierten Personen zum Entspannen animiert, sagt Jörg, es gehe stets um die Atmosphäre.

„Es ist sehr wichtig eine entspannte Atmosphäre am Set zu haben. Es besteht immer eine Zusammenarbeit zwischen Fotograf und Model – je besser die Zusammenarbeit ist, je besser ist das Endergebnis. Ich sehe nur selten gute Ergebnisse, wenn die Stimmung am Set schlecht ist.

Es kommt darauf an sich viel zu unterhalten und ehrlich zu sein mit der Person, die man porträtiert. Sagen Sie ihm oder ihr genau, was Sie wollen. Wenn das Model das versteht und einverstanden ist, ist es viel einfacher, zusammenzuarbeiten.“

Jörg sagt, dass die digitale Fotografie mit dazu beigetragen hat, dass sich die Models intensiver eingebunden fühlen. „Man kann immer etwas auf dem Display zeigen und erklären, was gut oder schlecht ist – dann kann man gemeinsam das Bild verbessern.“

Kommunikation ist alles

Als Antwort auf die Frage, wie man in die komplizierte Porträtfotografie eintauchen sollte, unterstreicht Jörg die Bedeutung der Kommunikation. „Für ein gutes Bild musst du deinem Motiv nahe sein. Für die Porträtfotografie bedeutet das, über die Person informiert zu sein, die man fotografiert. Vor dem Shooting versucht man, so viel Informationen wie möglich über die Person zu erhalten. Wenn man die Zeit hat, spricht man vor den Aufnahmen mit ihr. Oder während der Vorbereitung des Shootings.“

Jörg ist auch fest davon überzeugt, dass man sich mit der Zeit weiterentwickeln und dabei sich selbst gegenüber immer treu bleiben sollte. „Man kann es nicht vermeiden vom Zeitgeist beeinflusst zu werden. Aktuelle Entwicklungen werden immer ihren Weg in deine Arbeit finden. In all diesen Jahren habe ich aber im Umfeld der Fotografie gelernt, dass jeder Stil und jeder neue Trend auch wieder vorbei geht. Aus meiner Sicht ist es eine gute Sache seinen eigenen Stil zu finden und nicht jedem Trend hinterher zu laufen.

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©Jörg Kyas. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5DSR mit einem EF 50mm 1:1,2L USM Objektiv; die Belichtungszeit betrug 1/160 Sek. bei Blende 8, ISO 200.

Professionell oder persönlich?

Persönliche und professionell geprägte Aufgabenstellungen stellen ganz offensichtlich verschiedene Herausforderungen für Jörg dar, obwohl er betont, dass der Hauptunterschied in der Zeit besteht.

„Es ist selten, dass man bei professionellen Arbeiten die völlige Freiheit bei der Umsetzung hat“, schickt er voraus. „Selbst wenn es so wäre, muss man eine Menge im Vorfeld planen. Letztendlich muss man sicherstellen, dass einige brauchbare Ergebnisse entstehen und man nicht die Zeit verschwendet. Wenn man alles vorbereitet und die Aufnahmen geplant hat, dann kann man damit anfangen, sich freier zu entfalten - was die Leute übrigens sehr schätzen.

Bei persönlichen Projekten hat Jörg den Spielraum genossen, den man ihm eingeräumt hat. „Man hat mehr Zeit und Raum und es kann sich diese Dynamik zwischen der geplanten und der frei gestalteten Aufnahme entfalten. Bei persönlichen Projekten plane ich mehr Zeit für freie Arbeiten ein, um mehr Spaß am Set zu haben.“

Die Zeit ist ein Feind

Jörg erklärt, dass die Zeit sein größter Feind war. „Es ist immer der Zeitmangel, der dich davon abhält, alles zu fotografieren, was man gerne hätte. Aber ich arbeite daran, mehr Zeit zu haben, um Dinge für mich oder für eine Ausstellung zu fotografieren. Zumindest ist es mein vordergründiger Wunsch, eigene Ideen und Bilder umzusetzen. Deshalb habe ich mich ja für diesen Job entschieden.

Er erzählte uns von einem spannenden Projekt und Aufnahmen von einem Mädchen mit Sommersprossen. „Michael Neugebauer ist ein sehr guter Fotograf und Freund von mir. Er hatte diese Idee schon vor Jahren und hat bereits ein Buch über das Thema veröffentlicht. Leider musste der Verlag schließen und so ist das ganze Projekt gestorben. Letztes Jahr haben wir darüber gesprochen und nichts sprach dagegen, das Projekt wieder zu beleben und gemeinsam daran zu arbeiten – jeder in seinem eigenen Stil.“

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©Jörg Kyas. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5DSR mit einem EF 135mm 1:2L USM Objektiv; die Belichtungszeit betrug 1/160 Sek. bei Blende 7,1, ISO 200.

Seine letzte Aufnahme

„Mein letztes professionelles Bild machte ich für eine Kampagne über Kontoführungsgebühren für ein deutsches Bankinstitut. Das hört sich langweilig an, aber das war es nicht, weil das Model, das wir ausgewählt hatten, von einer Agentur namens ,hässliche Modelle‘ war. Eine so genannte ,Street Cast Agentur‘ schickte jemanden vorbei, der noch nie als Model gearbeitet hat. Er war Amerikaner, der seit zwanzig Jahren in Berlin lebt und Schlagzeug in einer Band spielt. Es war so lustig, mit ihm zu arbeiten. Er war so unkonventionell und hatte einen entsprechenden Humor und erzählte jede Menge Geschichten. Ich bin mir sicher, dass man die gute Atmosphäre, die wir hatten, in den Bildern sehen kann.

Jörgs Kameratasche:

Kameras

EOS-1D X Mark II

EOS 5DS R

EOS 5D Mark III

Objektive

EF 85mm 1:1,2L USM

EF 50mm 1:1,2L USM

EF 35mm 1:1,4L II USM

EF 24-70mm 1:2,8L II USM

EF 70-200mm 1:2,8L USM

Zubehör:

Speedlite Transmitter ST-E3-RT

Speedlite 600 EX-RT

Akkugriff BG-E11



Rechte am Interview: Verfasst von Martin Fleming