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Street-Fotograf Emmanuel Cole

Emmanuel-Cole-Porträt© Alexei Awan.

Eine einzigartige Perspektive

Es hat fast vierzig Minuten gedauert, bevor ich anfing, irgendwelche Fragen zu stellen, die ich mir vorher für den autodidaktischen Stadtfotografen Emmanuel Cole aufgeschrieben hatte.

Er ist so entspannt, so ausgeglichen und sofort sympathisch. Er hat einen Charme, der so unverletzt wirkt. Wir haben fast drei Stunden lang über die sich verändernde Stadt London, die Street-Fotografie und die Vor- und Nachteile von Instagram geredet.

Durch seine eigenen Augen

Wir kamen schnell auf die Attraktivität von London – eine Stadt, die jedes Jahr Millionen von Menschen fotografieren und irgendwas muss ja an ihr so originell sein.

Cole winkt ab. „Es ist so ungewöhnlich. Die Leute, die Gebäude – alles ist in Bewegung. Der Trubel der Stadt regt mich an.“

Ein Blick auf Emmanuel Instagram-Feed genügt und es ist ganz klar, warum er herausragt – er macht keine Touristenbilder vom Big Ben oder dem London Eye. Stattdessen zeigt er das London, wie er es sieht: Eine bunte Mischung von städtischen Charakteren, bei denen die meisten von uns vorher die Straßenseite wechseln würden, um ihnen aus dem Weg zu gehen.

Ich frage ihn, wie er sich dem Unnahbaren nähert und überraschend beschreibt er seine Zeit als Von-Haus-zu-Haus-Spendensammler.

„Es hat mir geholfen, einladender zu werden ... es ist ein wenig einschüchternd, aber du willst, dass man dich mag. Wenn man an die Türen klopft, erwartet man, dass die Leute nein sagen werden – also ist man darauf vorbereitet. Aber es gibt dir Vertrauen. Was ist das Schlimmste, was passieren kann?“

Wenn es darum geht, dieses perfekte Bild zu machen, ist es mehr als nur Ablehnung: „Es wird zu einer Angst, etwas zu verpassen. Du hast normalerweise nur eine einzige Chance, das Foto zu machen. Ich habe einmal den ganzen Tag lang bereut, dass ich jemanden an diesem Morgen getroffen und kein Foto von ihm gemacht habe.

„Ehrlichkeit bringt einen auch weiter. Ich gehe einfach zu den Leuten und frage sie, ob ich ein Foto von ihnen machen kann. Fast immer ist die erste Frage: „Von was denn?“ Und ich sage ihnen nur, dass ich sie interessant finde – ud das ist wahr. Das hilft ihnen sofort, sich zu entspannen.“

Interessante Porträts sind grundsätzlich schwierig und deshalb ist das Verlassen der Komfortzone wichtig. „Ich achte auf ihr Verhalten“, erklärt Emmanuel. „Dinge, die einen anspringen. Meistens sind es Kleinigkeiten. Vielleicht ist es deren Körperhaltung oder wie jemand läuft. Oder wie sich jemand gut zurecht macht.“

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© Emmanuel Cole. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark III – EF 24mm 1:1,4L ll USM Objektiv; die Belichtungszeit betrug 1/320 Sek. bei Blende 2,8, ISO 800.

Frühe Wurzeln

Wenn man sich sein beeindruckendes Portfolio ansieht, ist es fast unglaublich, dass Emmanuel erst seit fünf Jahren Bilder macht. Und in einer Zeit begonnen hat, als es die Plattform noch nicht gab, die ihn berühmt gemacht hat: Instagram.

Emmanuel bekam im Jahr 2011 sein erstes Smartphone und fing damit an zu fotografieren. Er machte erst ein paar andere Leute nach, fand aber schnell seinen eigenen Stil – mit atemberaubenden Porträts von einigen der exklusivsten und interessantesten Typen und Gegenden von London. Er kam dann ein Jahr später zur Canon EOS 6D und wirft seitdem keinen Blick zurück. Jetzt ist er selten ohne seine Kamera unterwegs.

„Für mich ist die EOS 6D die perfekte Kamera. Ich habe sie fast als Erster gehabt und sie hat mich niemals enttäuscht.

Trotz seiner Prominenz auf Instagram – traditionell eine Spielwiese für Fotohandys – sagte mir Emmanuel, dass er immer nur mit seiner Canon fotografiert. „Du hast viel mehr Kontrolle mit einer DSLR. Es ist nicht nur, wie du fotografierst, sondern auch die Ausgabe – es geht alles viel einfacher mit den RAW-Dateien. Gegenüber den qualitativ schlechten JPEGs vom Handy ein Vorteil.

In einem Instagram

Londons Gentrifizierung schreitet so schnell voran wie die Fotografie-Welt – es fällt schwer, die Gemeinsamkeiten nicht zu sehen. Als Fotograf mit über 140.000 Instagram-Followern frage ich Emmanuel, was er von der Plattform denkt, die ihn so weit nach vorne gebracht hat.

„Instagram ist ein leistungsstarkes Marketing-Tool“, fängt er an. „Es gibt meiner Fotografie einen anderen Grund – das Wissen darum, dass Menschen meine Fotos wirklich ansehen und sie mögen. Das ist pure Motivation.“

„Da es jedoch so unmittelbar ist, passiert es viel eher, dass man abgelenkt wird, wenn man sich die Arbeit der anderen anschaut und dabei vergisst, warum man selbst das eigentlich tut.“

„Es ist heutzutage viel schwieriger, seinen ganz eigenen Look zu entwickeln, wenn man tagtäglich mit so vielen Bildern überflutet wird. Findet man dann aber jemanden mit so einem persönlichen Stil, sticht der natürlich entsprechend aus der Masse hervor.“

Er ist etwas besorgt, dass die Fotografie heutzutage mit weniger Respekt gesehen wird. „Viele fotografieren aus den falschen Gründen. Sie kopieren einfach Bilder, die viele Likes bekommen haben, weil sie berühmt werden möchten – und nicht, weil ihnen das Fotografieren an sich etwas bedeutet.“

Aufwärmphase

Als ich ihn frage, wie viele Fotos er am Tag aufnimmt, erwarte ich, dass er „zwischen 30 und 40“ sagt. Aber mit der Aussage „nur so 5 bis 10“ überrascht er mich wirklich. Er sagt, dass weniger oft mehr sei und dass man irgendwann weiß, was ein gutes Foto ergibt und was nicht. „Das unterstellt jedoch, dass ich mich aufwärme.“

Aufwärmen? „Ja,“ sagt er ernsthaft, „man muss sich aufwärmen.“ Wie ein Athlet? „Exakt so. Man kann nicht einfach so aus dem Stand loslegen und das beste Bild des Tages aufnehmen!“ lacht er. „Man muss sich einstimmen, so dass es sich ganz natürlich anfühlt, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.“

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© Emmanuel Cole. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark III – EF 24mm 1:1,4L ll USM Objektiv; die Belichtungszeit betrug 1/1.000 Sek. bei Blende 5,0, ISO 100.

Transformers, Fremdenführer und lustige Situationen.

Neben London, verbrachte Emmanuel viel Zeit mit Aufnahmen in Hongkong. „Es war beeindruckend. Und hat mir bei der Entwicklung meiner Fotografie ungemein weiter geholfen. Es gab so viele skurrile Situationen, und so viele Gelegenheiten, einzigartige Aufnahmen zu machen.“

Sein bester Ratschlag? Immer mit einem Einheimischen zusammen unterwegs sein. „Da war dieser Typ in Hongkong, der mich von Instagram her erkannte. Wir trafen uns dann und das hat alles so viel einfacher gemacht. Er konnte mir in einigen schwierigen Situationen weiter helfen und mich zu wirklich spannenden Orten führen.“

Er zeigt mir ein Foto eines unheimlichen, dystopischen Apartment-Hauses, das in einem der Transformer-Filme vorkam. „Ich habe das dem Jungen gezeigt und er hat mich direkt dorthin geführt. Ich war tagsüber dort, wusste aber, dass es bei Nacht viel besser wirken würde. Darum kam ich dann wieder und nahm es auf – wahrscheinlich mein Bild mit dem größten Wiedererkennungswert.“

Hongkong-Hochhaus

© Emmanuel Cole. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark III – EF 17-40mm 1:4L USM Objektiv; die Belichtungszeit betrug 30 Sek. bei Blende 9,0, ISO 200.

Was kommt als Nächstes?

Ich fragte ihn nach seinen weiteren Plänen und er war überraschend uneitel und scheint alles nach seinem ganz eigenen Tempo zu machen. Spontan erzählt er, dass man ihn immer wieder nach einer Ausstellung fragt, und dass er keine große Lust dazu hat. „Vielleicht später mal ein Buch oder auch zwei.“ Er gibt zu, dass er einige Projekte in Planung hat.

Und wieder bin ich überrascht, wie bodenständig er ist. Jeder andere mit mehr als 140.000 Followern auf Instagram würde rumposaunen, Bücherverträge unterschreiben und jedes bisschen Ruhm mitnehmen. Er meint nur, dass er, wenn er einmal aufhört, ein Zeichen bei der Dokumentation von London gesetzt haben möchte.

Ich frage ihn, was er gemacht hätte, wenn er sich nicht für die Fotografie entschieden hätte. Er antwortet „Basketballer“. Wenn man seine Größe betrachtet, überrascht das wenig. Er meint aber, dass es die Kampfeslust set, die ihn am meisten an dem Sport begeistert. „Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch. Ich wollte schon immer das Beste geben, was ich konnte und ich pushe mich weiter und weiter. Aber ich würde gern weniger obsessiv werden. Das kann einem das Leben schwer machen, wenn man es zulässt. Es ist an sich nichts Schlechtes, jedoch muss man es in Balance halten.“

Wir haben jetzt einige Stunden beisammen gesessen und es fühlt sich, als hätte ich jeden Aspekt seines Lebens untersucht – und er scheint weder müde noch genervt. Ganz im Gegenteil: Er ist voller Energie und beantwortet meine Frage über alles und jedes mit offensichtlicher Freude. Was werden Sie hiernach tun? Frage ich ihn und er meint, dass er einen Freund treffen wolle, aber das das nicht eilig sei.

Er zuckt mit den Achseln, lächelt und ich bestelle uns noch ein Bier.

Emmanuels Kameratasche

Kameras

Canon EOS 6D

Objektive

EF 17-40mm 1:4L USM

EF 24mm 1:1,4L II USM

EF 50mm 1:1,2L USM



Rechte am Interview: Verfasst von Martin Fleming