Die Perfektionierung der Kunst des Porträts von Christian Anderl

Canon Explorer Christian Anderl ist ein begeisterter Musiker und talentierter Koch – aber auch ein internationaler Fotograf, der sich auf die kommerzielle Porträtfotografie spezialisiert hat. Er arbeitet für einige bekannte Kunden wie Red Bull, Ikea und Universal.

Hier teilen wir seine Ansichten über die Fotografie und wie er mit den Menschen vor seiner Kamera arbeitet, um interessante Porträts zu machen.


Ihre größte Herausforderung als Porträtfotograf

„Es passiert regelmäßig, dass sich die Leute vor der Kamera verkrampfen. Das liegt wahrscheinlich daran, weil sie glauben, dass man etwas von ihnen erwartet – sie fühlen sich nicht wohl und wissen nicht, wie sie sich vor der Kamera verhalten sollen. Die Herausforderung beginnt noch vor dem Moment, an dem die Person vor der Kamera steht. Als Fotograf muss man eine persönliche Beziehung zum Motiv aufbauen und eine intime Atmosphäre schaffen, die es der Person vor der Kamera ermöglicht, sich zu öffnen.“


Die Persönlichkeit, bzw. ein echtes Abbild davon festhalten

„Manchmal dauert die Vorbereitung länger als die Aufnahme selbst. Stellen Sie vor der Aufnahme sicher, dass Ihr Motiv ganz entspannt ist – so finden Sie am besten deren Leidenschaften heraus. Das sind vielleicht Kinder und Familie, Sport, Camping … Finden Sie heraus, was sie in eine gute Stimmung versetzt und worüber sie gern reden. Das wird besonders dann hilfreich sein, wenn sie vor die Kamera treten – das Reden hilft den Leuten, sich wohlzufühlen, während Sie sich auf Ausleuchtung und Technik konzentrieren. Solche Gespräche helfen Ihnen vielleicht auch dabei, mehr über Ihr Motiv zu erfahren und so eine bessere Porträtaufnahme zu erhalten.

„Geben Sie Ihrem Motiv immer die Chance einen Blick auf die bisher gemachten Aufnahmen zu werfen – stellen Sie sicher, dass ein Porträt dabei ist, dass der Person gut gefällt und ihr die Erfahrung angenehm macht.“


Warum sind Porträtaufnahmen so eine dankbare Aufgabe

„Das ist ganz einfach: Wenn man Menschen liebt, dann auch die Aufgabe und die Herausforderung sie zu porträtieren. Sie wissen nie, welche Person Ihnen als nächstes gegenüber stehen wird und wie sie sein wird. Bei Porträtaufnahmen lernt man nicht nur eine Menge über die Fotografie sondern auch über Menschen. Egal wie cool jemand auf den ersten Blick erscheint, verbirgt er doch auch immer eine gewisse Unsicherheit – und daran denken die Menschen oft, wenn man sie fotografiert. Vielleicht haben Sie einfach Angst, dass das Porträt diese Unsicherheit aufzeigt. Darum gehört es zu Ihren Aufgaben, sie dazu zu bringen, Ihnen zu vertrauen. Es ist eine schöne Belohnung zu sehen, wie jemand aus einer Porträtaufnahme, die Sie gemacht haben, mehr Selbstvertrauen erlangt.“

Canon Explorer – Canon

Günter Tolar – © Christian Anderl –Canon EOS 5D Mark II mit einem Canon EF 70-200mm 1:2,8L IS II USM Objektiv; die Belichtungszeit betrug 1/125 Sek. bei Blende 10, ISO 100.

„Das Warm-up für diese Aufnahme ging ganz schnell – Günter Tolar war ein TV-Moderator und daher daran gewöhnt, fotografiert zu werden. Und doch kann so etwas eine ganz schöne Herausforderung werden. Ist Ihr Motiv ein Prominenter oder an Fotografen und Kameras gewöhnt, langweilt es sich schnell oder posiert nur so wie er es immer tut. Zum Glück ist Günther ein sehr netter Typ und es war ziemlich einfach, eine Verbindung zu ihm aufzubauen.

„Wir verbrachten ca. 30 Minuten im Studio und redeten über seinen Beruf, sein Leben und seine Erfahrungen in der Medienbranche. Ich erklärte ihm detailliert, wie ich mir das Porträt vorstellte – ich wollte es in Schwarzweiß machen und so den Charakter seines Gesichts mit all den Falten durch viel Kontrast herausarbeiten. 

„Kurzum, ich wollte ein ganz intimes Charakter-Porträt machen, das irgendwie die Geschichten und Erfahrungen seines Lebens zeigt. Er war mit dieser Idee einverstanden und wir begannen damit, ernste Gesichtsausdrücke aufzunehmen, da die meisten Porträts ihn bisher mit einem Lächeln zeigten. Er wollte ganz seriöse Porträts und uns beiden gefiel sehr gut, was aus der Kamera heraus kam. Das Beste war aber der Moment, in dem ich Mist gebaut hatte und er nicht lächelte, sondern mich laut auslachte. Das war ein sehr aufrichtiger und ehrlicher Moment und ich bin sehr froh, dass ich auf den Auslöser gedrückt und ihn festgehalten habe. Wir hatten ernste Porträts geplant und landeten bei einem Lachen. Meist entwickeln sich die Dinge nie so wie geplant und oft ist es das Beste, was Ihnen passieren kann!

„Außerhalb eines Studios kann eine Aufnahme etwas ganz anderes sein, da die Person sich des Lichts und der Kamera nicht so bewusst ist. Im Studio, wo es nur das Licht, die Kamera und Sie gibt, konzentriert sich Ihr Motiv nur darauf, was es ihm schwieriger macht, sich zu entspannen. Auf der anderen Seite macht es zu wenig Konzentration schwieriger, einen wahren Moment und Charakter einzufangen, ganz besonders wenn sehr viele Menschen um einen herum sind. Aber das hängt wesentlich mehr von der Person, die Sie fotografieren wollen, als von der Umgebung ab. Jeder Mensch ist verschieden und reagiert unterschiedlich auf die Kamera, das Licht und den Fotografen.

„Egal wo Sie Ihr Motiv fotografieren, Sie müssen immer eine persönliche Verbindung zu ihm aufbauen. Normalerweise nehme ich die Kamera erst dann in die Hand, wenn ich sie wirklich brauche. Die Kamera ist zwar das Werkzeug, mit dem wir ein Porträt aufnehmen, aber wenn man sie immer in der Hand oder vor dem Gesicht hält, wird es sehr schwierig, eine Verbindung zum Gegenüber aufzubauen. Diese Verbindung ist der Schlüssel zu jedem guten Porträt.“