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„Es lässt mein Herz schneller schlagen“: Jasper Doest über eine neue Art der Naturfotografie

Japanmakaken (auch „Schneeaffen“ genannt) beim Baden in heißen Quellen des Wildschneeaffenparks Jigokudani Yaen-koen in der Präfektur Nagano, Japan. Aufgenommen im März 2007 mit einer Canon EOS-1D Mark II N mit einem Canon EF 17-40mm f/4L USM Objektiv. © Jasper Doest

Vor einem Jahrzehnt wurde Jasper Doest mit seiner Reihe nachdenklich stimmender und preisgekrönter Porträts japanischer Schneeaffen in der Öffentlichkeit erstmals als aufsteigender Stern der Tierfotografie wahrgenommen. Statt sich jedoch auf seinen Lorbeeren auszuruhen und sich auf ein Motiv zu konzentrieren, das nun untrennbar mit ihm verbunden ist, wendete sich der niederländische Profifotograf einem eher fotojournalistischen Stil zu. Inspiriert wurde er dazu von seiner emotionalen Reaktion auf die Interaktion des Menschen mit der Umwelt.

Dies ist, wie er einräumt, ein neuer Ansatz, der viele Gespräche erfordert – meist mit sich selbst. „Ich frage mich: ‚Warum reagiere ich so emotional?‘ Indem ich mir diese Frage stelle, erhalte ich oft Antworten. Dann weiß ich, was ich brauche, um eine ansprechende Komposition zu erreichen“, sagt Doest.

A black and white shot shows hundreds of cranes standing close together on a patch of land, with four flying past the camera.
Jedes Jahr gegen Ende August, direkt nach dem Ende der Monsunzeit, fliegen Tausende Jungfernkraniche in das verschlafene Dorf Khichan in Rajasthan, Indien. Sie verwandeln es mit ihren Schreien in einen lauten, belebten Ort und verdunkeln den Himmel mit ihren Formationen. Aufgenommen am 4. Dezember 2013 mit einer Canon EOS-1D X mit einem Canon EF 400mm f/2.8L IS II USM Objektiv. © Jasper Doest

Während einige Fotografen es sich zweimal überlegen, bevor sie etwas an einem preisgekrönten Stil verändern, ist Doest davon überzeugt, dass gerade dieser Schritt aus der Komfortzone heraus ihn auf einen fotografischen Pfad gebracht hat, der besser im Einklang mit seinen persönlichen Interessen steht. „Ich habe einen Bachelor of Science in Klimawandel“, sagt er. „Das ist mein Hintergrund, und das lässt mein Herz schneller schlagen. Aber ich erkannte, dass meine Bilder nicht davon handelten, also habe ich mich entschlossen, einen anderen Weg zu gehen.“

Christian Ziegler’s

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Aber Doest weist schnell darauf hin, dass seine fotografischen Erfahrungsberichte nicht rein dokumentarisch sind. Vielmehr bemüht er sich, auch künstlerische Elemente in seine Kompositionen einfließen zu lassen. „Die Entscheidungen, die ich treffe, basieren auch auf der Ästhetik. Ich berücksichtige daher nicht nur die Erzählung. Ich muss meine eigene persönliche Identität im Bild erkennen, was glaube ich eher ein künstlerischer als ein fotojournalistischer Ansatz ist. Aber ich genieße beides, daher sind meine Bilder eine Mischung aus beidem.“

Seine neue fotografische Herangehensweise wurde bereits im Rahmen von vielen der weltweit größten Naturfotografie-Wettbewerben mit Preisen ausgezeichnet. Sein Ansehen stieg weiter, als er in die Jury des renommierten Wettbewerbs Wildlife Photographer of the Year 2017 des Londoner Natural History Museum berufen wurde. Zudem wurde er in der Kategorie „Nature Stories“ des World Press Photo Contest 2018 nominiert.

A white stork stands in a landfill site, among old car tyres and plastic packaging waste.
Die spanischen Populationen des Weißstorchs (Ciconia ciconia) gingen aufgrund der Veränderung ihrer Futtergebiete zwischen Mitte der 70er Jahre und den späten 80er Jahren stark zurück. Kürzlich haben sich ihre Populationen erholt, hauptsächlich aufgrund von neuen Nahrungsquellen: Mülldeponien auf der Iberischen Halbinsel. Aufgenommen am 15. August 2014 mit einer Canon EOS-1D X mit einem Canon EF 16-35mm f/2.8L II USM Objektiv. © Jasper Doest

Als mehrfacher Gewinner und ehemaliger Juror lohnt es sich, Doests Perspektive zu Fotowettbewerben Gehör zu schenken. Wir haben ihn daher nach seiner Meinung zu Auszeichnungen befragt.

Wie wichtig sind Auszeichnungen für Fotografen?

„Wenn es nicht mein Beruf wäre, würde ich nicht bei Wettbewerben antreten. Warum sollte ich besser als jemand anders sein wollen, wenn ich es nur zum Spaß mache? Aber Wettbewerbe wie Wildlife Photographer of the Year, World Press Photo und European Wildlife Photographer of the Year sind hilfreich für die Karriere, wenn man die Marketing- und Eigenwerbungschancen nach einem erfolgreichen Wettbewerb zu nutzen weiß. Wenn man nach einem Preis nichts tut, dann ist er auch nicht wichtig. Die Beachtung ebbt schnell ab.“

Haben Sie nach all Ihren bisherigen Erfolgen immer noch das Gefühl, an Wettbewerben teilnehmen zu müssen?

„Das habe ich. Wenn ich mein höheres Ziel betrachte, nämlich Motiven, die oft missverstanden werden, eine Stimme zu verleihen oder einen größeren Wandel herbeizuführen, stehe ich glaube ich noch ganz am Anfang. Das ist das Ziel, und die Auszeichnungen helfen mir, die nötige Plattform zu erreichen, um ein größeres Publikum anzusprechen. Das ist der einzige Grund, aus dem ich bei Wettbewerben mitmache – wegen der Plattform.“

An aerial shot shows rippled patterns on a sandy beach.
Der Strand der unbewohnten Insel Rottumeroog in den Niederlanden, wo Doest für die Zeitschrift National Geographic 50 Tage in Einsamkeit verbrachte. Aufgenommen am 24. November 2013 mit einer Canon EOS-1D X mit einem Canon EF 16-35mm f/2.8L II USM Objektiv. © Jasper Doest

Was steht hinter Ihrem kürzlichen Richtungswechsel?

„Ich glaube, es passierte, als ich 50 Tage auf Rottumeroog verbrachte, der einzigen unbewohnten Insel in den Niederlanden. Das war ein Auftrag für die niederländische Ausgabe der Zeitschrift „National Geographic“. Sie feierte ihr 125-jähriges Jubiläum und wollte dafür etwas ganz Besonderes. Diese Insel ist durch die höchsten europäischen Artenschutzgesetze geschützt, und da niemand dort lebt, hatte ich viel Zeit für mich selbst mit meinem eigenen Gedanken. Das hat definitiv dazu beigetragen, meinen Kopf frei zu bekommen, und ich erkannte, dass meine innere und visuelle Stimme nicht im Einklang waren.

A yellow-tinged landscape shows a cloud of spray over a landfill site, where storks are perched on top of rubbish piles.
Weißstörche plündern eine Deponie in Südspanien, die mit Wasser besprengt wird, um die während der Zersetzung entstehenden starken Säuren zu verdünnen. Die Weißstörche haben ihr Zugverhalten aufgrund dieser Mülldeponien verändert. Aufgenommen am 12. August 2014 mit einer Canon EOS 100D mit einem Canon EF 400mm f/2.8L IS II USM Objektiv und einem Canon Extender EF 1.4x III. © Jasper Doest

In letzter Zeit haben Sie Störche in einer Weise fotografiert, die weit entfernt von unserer traditionellen Wahrnehmung dessen ist, wie diese Vögel leben. Wie hat dieses Projekt Ihre Entwicklung als Fotograf beeinflusst?

„Traditionell geht es bei der Naturfotografie darum, die atemberaubende Schönheit der Natur zu feiern. Häufig bedeutet das, dass sämtliche menschlichen Elemente vermieden werden. Zum Beispiel treten wir unter Umständen einen Schritt zur Seite, damit ein Haus im Hintergrund nicht sichtbar ist. Da Weißstörche jedoch schon immer in der Nähe von Menschen gelebt haben, gab es keine Möglichkeit, diesen Teil ihrer natürlichen Geschichte wegzulassen. Als ich ihre jährliche Wanderung von Westeuropa auf den afrikanischen Kontinent verfolgte, war ich entsetzt, als ich sah, wie diese Vögel – die als Symbol für das neue Leben und Wohlstand dienen – die Hinterlassenschaften der menschlichen Gesellschaft auf riesigen Deponien auf der Iberischen Halbinsel durchforsteten. Ich erkannte, dass ich uns Menschen nicht weglassen durfte, wenn ich ihre Geschichten erzähle.“

A seagull is seen through a hole in a metal grid, sitting in a nest.
Eine Silbermöwe nistet unter einem Metallsteg. Der Vogel hatte zuvor auf einem der Fischerboote in einem kleinen irischen Hafen genistet. Die Fischer befürchteten jedoch, dass das Nest über Bord fallen würde, daher setzten sie es in einem Angelbehälter und stellten es in die Hafenwand, wo der Vogel einfach weiternistete. Aufgenommen am 23. Mai 2014 mit einer Canon EOS-1D X mit einem Canon EF 16-35mm f/2.8L II USM Objektiv. © Jasper Doest

Sie hatten mit diesen Bildern auch Erfolg bei Wettbewerben. Wird die Naturfotografie im Allgemeinen dokumentarischer, und sollten wir damit rechnen, bei zukünftigen Wettbewerben mehr Bilder dieser Art zu sehen?

„Die fotojournalistische Art, Geschichten über wilde Tiere zu erzählen, ist in der Naturfotografie relativ neu. Ich würde jedoch sagen, dass diese Entwicklung ganz natürlich mit unserem steigenden Bewusstsein für unseren Planeten einhergeht. Wir beginnen endlich, die Auswirkungen unseres Verhaltens zu erkennen. Die Natur ist wunderschön und etwas, das gefeiert werden sollte, aber wir haben sie allzu lange [auf eine idealistische, von unserem Alltag entrückte Art] gefeiert. Dennoch scheinen viele Menschen heute nicht zu erkennen, dass die Natur unser Zuhause ist und wir uns um sie kümmern sollten.

Die Bilder, die wir in den fotojournalistischen Kategorien der wichtigsten Wettbewerbe finden, zeigen, warum diese Geschichten so wichtig sind – weil wir derzeit unseren Planeten bis zu einem Punkt ausnutzen, an dem es fast kein Zurück mehr gibt.“

A flock of starlings perform their twilight murmurations over large buildings in Rotterdam.
Stare fliegen in der Dämmerung über die niederländische Stadt Rotterdam in großen Formationen, um sich gegen Raubvögel zu verteidigen. Aufgenommen am 24. Dezember 2015 mit einer Canon EOS-1D X mit einem Canon EF 24-70mm f/2.8L II USM Objektiv. © Jasper Doest

Ich suche nicht mehr nach technischer Perfektion, weil ich glaube, dass es nicht die Perfektion ist, die unser Herz bewegt.

Wie hat sich Ihre Arbeit in Bezug auf Ihre Technik und die Objektive und Ausrüstung, die Sie verwenden, verändert?

„Ich habe früher immer mit einem langen Objektiv aufgenommen. Mein Canon EF 70-200mm f/2.8L IS II USM und mein Canon EF 400mm f/2.8L IS II USM waren meine bevorzugten Objektive. Seitdem ich begonnen habe, Zusammenhänge aufzuzeigen, arbeite ich mit kürzeren Brennweiten, um Kontext hinzuzufügen.

„Ich nutze gerne ein Canon EF 35mm f/1.4L II USM Objektiv mit fester Brennweite, da ich so intensiver über den Kontext nachdenken muss als bei einem Zoomobjektiv. Dennoch ist das Canon EF 24-70mm f/2.8L II USM das Objektiv, das ich am meisten einsetze.

„Ich suche zudem nicht mehr nach technischer Perfektion, weil ich glaube, dass es nicht die Perfektion ist, die unser Herz bewegt. Ich glaube jedoch, dass die Ästhetik weiterhin wichtig ist, wenn man visuelle Erzählungen für den Betrachter erschafft.“

Seven white storks sit in their nests, built on the support beams under a road bridge in Portugal.
Weißstörche nisten unter einer Autobahnbrücke in Portugal. Aufgenommen am 26. März 2014 mit einer Canon EOS 5D Mark III mit einem Canon EF 400mm f/2.8L IS II USM Objektiv und einem 2x Extender. © Jasper Doest

Was haben Sie bei einem typischen Ausflug in der Kameratasche – falls Sie so etwas überhaupt haben?

„So etwas gibt es bei mir tatsächlich nicht. Ich bevorzuge einen sehr organischen Ansatz – ich kann nur ahnen, was die Welt mir zu bieten hat, und wähle meine Ausrüstung basierend auf meinen Erwartungen. Da der größte Teil der Arbeit darin besteht, Zugang zu einer Szene zu erhalten, arbeite ich, sobald mir das gelungen ist, häufig mit einem festen 35-mm- oder 24-70-mm-Objektiv. Ich habe also immer etwas in diesem Bereich dabei.

„Falls die Szene visuell unruhig ist, packe ich auch ein 16-35-mm-Objektiv ein, nur für den Fall. Wenn ich weiß, dass es schwierig wird, mir Zugang zu verschaffen, nehme ich Teleobjektive mit. Und je nach Situation verwende ich auch Studioblitze. Nur in Fällen, bei denen ich weiß, dass der Kontext schwer zu erfassen ist, packe ich die großen Teleobjektive ein, wie das Canon EF 400mm f/2.8L IS II USM oder ein Canon EF 600mm f/4L IS II USM.“

A man holds a young impala, with a hat over its eyes.
Eine junge, kranke Impala in Südafrika wird gerettet und zu einem örtlichen Tierarzt gebracht. Aufgenommen am 2. April 2016 mit einer Canon EOS 5D Mark III mit einem Canon EF 24-70mm f/2.8L II USM Objektiv. © Jasper Doest

Gibt es etwas, das Canon seinem Produktangebot hinzufügen könnte, um Ihre Fotografie positiv zu beeinflussen?

„Ich hoffe noch immer auf eine spiegellose Systemkamera im Vollformat. Die DSLRs von Canon leisten fantastische Arbeit. Bei der Arbeit mit Menschen bemerke ich jedoch, dass eine Canon EOS-1D X Mark II oder sogar eine Canon EOS 5D Mark IV mit einem Canon EF 24-70mm f/2.8L II USM Objektiv störend sein kann. Die Leute reagieren nicht so stark auf kleinere Kamerasysteme, weshalb es viel einfacher wird, bei Dokumentaraufnahmen das Geschehen aus dem Hintergrund zu verfolgen.

Nachdem Ihre Arbeit sich in letzter Zeit so stark geändert hat, bezeichnen Sie sich noch selbst als Naturfotograf?

„Nein. Ich habe dieses Wort von meiner Website entfernt. Da stehen jetzt nur noch mein Name und ‚Fotografie‘. Ich hatte dieses Problem schon als Teenager – ich mag kein Schubladendenken. Wenn man sich als ‚Natur-‘ oder ‚Wildfotograf‘ bezeichnet, schränkt man sich selbst ein. Man kann auch ohne diesen Stempel Tiere fotografieren und Geschichten über die Natur erzählen, aber wenn man sich selbst als ‚Naturfotograf‘ etikettiert, steckt man sich selbst in eine Schublade und versperrt sich den Blick. Man sollte immer über den eigenen Tellerrand schauen, was es sonst noch so gibt.“

Verfasst von Keith Wilson


Jasper Doests Kameratasche

Die Ausrüstung, die Profis für ihre Fotos verwenden

Jasper Doest kitbag

Kamera

Canon EOS 5D Mark IV

Diese Vollformat-DSLR mit 30,4 MP erfasst unglaubliche Details selbst bei extremem Kontrast. Kontinuierliche Aufnahmen mit 7 Bildern/Sek. helfen bei der Jagd nach dem perfekten Moment, während 4K-Video Filmmaterial in hoher Auflösung liefert.

Objektiv

Canon EF 24-70mm 1:2,8L II USM

Dieses professionelle Standard-Zoomobjektiv bietet eine hervorragende Bildschärfe und robuste Qualität der L-Serie. Dank der konstanten Blende von f/2.8 können Sie herausragende Fotos selbst bei wenig Licht aufnehmen und die Schärfentiefe mit Leichtigkeit steuern.

Objektiv

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