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Hollywood-Produzent Michael Deeley über das Filmgeschäft

Der britische Produzent Michael Deeley und Michael Caine auf den Straßen von Turin bei den Dreharbeiten zu „Charlie staubt Millionen ab“ (1969). (Bild aus dem Buch „Blade Runners, Deer Hunters and Blowing the Bloody Doors Off: My Life in Cult Movies“ von Michael Deeley und Matthew Field.)

„Ein Produzent ist ein Mann, der dafür sorgt, dass ein Film gedreht wird“, erklärt der Oscar-prämierte Filmproduzent Michael Deeley. „Er ist von Anfang bis Ende dabei und das dienstälteste Mitglied der Crew.“ Während die Ära des neuen Hollywoods in den 1970er Jahren Regisseure in den Kultstatus versetzte, blieb die Rolle des Produzenten weitgehend unbeachtet. Aber ohne den pragmatischen Ansatz eines Michael Deeley hätten wir Filme wie „Charlie staubt Millionen ab“ (1969), „Die durch die Hölle gehen“ (1978) oder „Blade Runner“ (1982) nicht feiern können. In diesem neuen Interview wirft der Londoner Hollywoodproduzent einen Blick hinter die Kulissen der Filmbranche und verrät, wie es ist, mit Ridley Scott zusammenzuarbeiten.

Deeley stolperte in die Welt des Films, als er von seinem Militärdienst in Malaysia zurückkehrte. Ein zufälliges Gespräch mit einem Freund seiner Mutter führte zu einem Jobangebot als zweiter Cutter in einem Unternehmen unter der Leitung von Douglas Fairbanks Jr. Er verdiente genauso viel wie zuvor, um, wie er sagt, „sich in Malaysia beschießen zu lassen. Innerhalb von wenigen Monaten war klar, dass das ein riesiger Spaß ist.“ Er arbeitete sich vom Schnittraum aus nach oben und begann, in seiner Freizeit Filme zu produzieren, wobei Peter Sellers und Spike Milligan in seiner ersten Produktion im Jahr 1956 die Hauptrolle spielten.

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Anfang der 60er Jahre wurde er General Manager und Produzent des Londoner Produktionsunternehmens Woodfall Films, die den Oscar-prämierten Film „Tom Jones – Zwischen Bett und Galgen“ (1963) und den mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Film „Der gewisse Kniff“ (1965) produzierte. Als unabhängiger Produzent erzielte Deeley in den späten 60er Jahren einen großen Erfolg mit „Charlie staubt Millionen ab“ (1969).


1973 übernahm er die Leitung von British Lion Films, zunächst als Geschäftsführer und später sogar als Eigentümer. In dieser Zeit brachte er die Filme „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (1973) und des Kultklassikers „The Wicker Man“ (1973) heraus. Er produzierte zudem „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976) mit David Bowie.


Als British Lion Films an EMI Films verkauft wurde, übernahmen Deeley und sein Mitproduzent Barry Spikings das Management und produzierten große Blockbuster der 1970er Jahre wie „Convoy“ (1978), „Tod auf dem Nil“ (1978), „Tauchfahrt des Schreckens“ (1978) und „Die durch die Hölle gehen“ (1978). Und im Jahr 1982 produzierte er seinen mit Abstand bekanntesten Film, einen Kassenflop mit Harrison Ford, der später zu einem echten Science-Fiction-Klassiker werden sollte: „Blade Runner“. Hier erzählt Deeley uns von seiner gefeierten Karriere und seinen Gedanken über die moderne Filmbranche.

Harrison Ford dressed as Rick Deckard on the set of Blade Runner, talking to director Ridley Scott
Regisseur Ridley Scott und Harrison Ford besprechen sich auf dem Set von „Blade Runner“ (1982), Michael Deeleys wohl größter Erfolg als Produzent. (Bild aus dem Buch „Blade Runners, Deer Hunters and Blowing the Bloody Doors Off: My Life in Cult Movies“ von Michael Deeley und Matthew Field.)
David Bowie in costume as Thomas Jerome Newton on the set of The Man Who Fell to Earth, surrounded by the film crew.
Nic Roeg gibt David Bowie Regieanweisungen bei den Dreharbeiten zu „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976), Produzent: Michael Deeley. (Bild aus dem Buch „Blade Runners, Deer Hunters and Blowing the Bloody Doors Off: My Life in Cult Movies“ von Michael Deeley und Matthew Field.)

Die Rolle eines Produzenten steht weniger im Fokus als die des Regisseurs. Was umfasst sie?

„Ein Produzent ist ein Mann, der dafür sorgt, dass ein Film gedreht wird. Das tut er von Anfang an, indem er nach Material sucht, aus dem man einen Film machen kann. Der Produzent entscheidet, was eine gute Geschichte ausmacht, und muss dann auch andere Leute davon überzeugen, einschließlich der Personen, die viele Millionen in das Projekt stecken. Man muss ein Argument vorbringen, das für einen Investor attraktiv ist, also Paramount, MGM und all die anderen. Der Produzent sucht einen Regisseur und stellt ihn ein, treibt das Geld auf und verwaltet die Produktion. Mitunter überwacht er auch den Filmstart. Er ist von Anfang bis Ende dabei und das dienstälteste Mitglied der Crew. Während der Produktion besteht seine Aufgabe im Grunde darin, den Regisseur zu unterstützen. Wenn er will, dass das Taj Mahal zehn Zentimeter nach links verschoben wird und du das tun kannst, dann tust du es auch. Wenn es allerdings eine Milliarde Dollar kosten würde, dann tust du es nicht – du versuchst, es zu tun.“


Wo finden Sie Ihre Ideen?

„Die Suche nach Ideen, die sich als Film umsetzen lassen, ist eine sehr wichtige Aufgabe eines Produzenten. Ohne Material, ohne Projekt hat der Produzent keinen Job. Ich lese alles, was ich kann. Ich lese Drehbücher, bis ich sie nicht mehr ertragen kann, was oft der Fall ist. Einen Film, „Convoy“ (1978), habe ich ausschließlich auf der Basis eines Lieds gemacht. Wenn man einen Film in einem Lied finden kann, sollte man auch welche in Theaterstücken, Büchern, einfach allem finden können. In den meisten Fällen habe ich nach etwas Neuem gesucht, nicht nach Remakes.“


Sie haben mit Ridley Scott an „Blade Runner“ zusammengearbeitet. Wie wählen Sie Ihre Regisseure aus?

„Anhand des Stils des Films und des Auftrags. Ridley war die beste Wahl für „Blade Runner“. Für mich war er perfekt. Er hatte schon Weltraumfilme und Filme mit Aliens gedreht, und ich glaube, er hat einen der schärfsten Blicke in der Branche. Eines der Hauptmerkmale von Ridley ist seine Detailversessenheit. Er hatte ein eigenes Bild im Kopf, wie die Aufnahme aussehen sollte. Manchmal saß er auf einem Kran, während die Schauspieler warteten. Dann verschob er einen Aschenbecher, der ihm ganz in der Ecke eines Tisches auffiel, ein paar Zentimeter in die eine oder andere Richtung. Diese außergewöhnliche Liebe zum Detail machte seine Aufnahmen so unvergesslich und sehr, sehr schön, ganz abgesehen von der Handlung, die gerade abläuft.“


Als Sie die ursprünglichen Pläne für „Blade Runner“ sahen, waren Sie von der Idee nicht überzeugt. Wie ließ sich das Geld für eine künstlerische Science-Fiction-Dystopie auftreiben?

„Ich habe das ursprüngliche Buch von Philip K. Dick nicht gelesen, sondern nur eine Abhandlung von Hampton Fancher. Meine erste Reaktion war, dass ich darin nicht wirklich einen Film sah. Ich nehme an, dass ich einfach die Idee von Science-Fiction an sich nicht präsent hatte. Und dazu, wie ich eine Dystopie finanzieren konnte, muss ich sagen, dass die Leute, die ihn kauften, nicht wussten, wofür sie bezahlen. Als langsam klarer wurde, worum es bei dem Film eigentlich geht, wurde ein Drittel der Finanziers immer unzufriedener. Sie erkannten, dass es nicht der heitere Film werden wurde, von dem sie aus irgendeinem Grund ausgegangen waren.“

A concept art painting shows a dark city street with older buildings fitted with neon external light panels, and a futuristic car parked.
Ein Landschaftsgemälde von Syd Mead, dem „visuellen Futurist“ und Concept Artist für den Film „Blade Runner“, zeigt, wie er sich die Straßen von Los Angeles im Jahr 2019 für den Film vorstellte. (Bild aus dem Buch „Blade Runners, Deer Hunters and Blowing the Bloody Doors Off: My Life in Cult Movies“ von Michael Deeley und Matthew Field.)
Daryl Hannah in costume as Pris from Blade Runner, wearing a sheer black leotard, heavy black eye makeup and holding a doll by the hair.
Die verspielte, aber dennoch furchteinflößende Replikantin Pris, gespielt von Daryl Hannah, in „Blade Runner“ (1982). (Bild aus dem Buch „Blade Runners, Deer Hunters and Blowing the Bloody Doors Off: My Life in Cult Movies“ von Michael Deeley und Matthew Field.)

Wie haben Sie die besondere Ästhetik von „Blade Runner“ entwickelt?

„Der Stil des Films musste fast 40 Jahre in der Zukunft liegen. Viele Leute haben sehr hart daran gearbeitet, sich die Zukunft vorzustellen. Syd Mead, der visuelle Futurist und Concept Artist, wurde ursprünglich nur dazu geholt, um Autos zu entwerfen, aber letztendlich schafften es deutlich mehr seiner Visionen in den Film, als ursprünglich erwartet. Ridley Scott selbst verstand es, die Leute zu animieren, die Gewohnheiten hinter sich zu lassen, d. h. wie man ein Konzept der Zukunft nehmen, in der Realität verankern und mit der Gegenwart verbinden konnte. Eine von Ridleys Inspirationen war das Gemälde „Nighthawks“ von Edward Hopper. Es zeichnet ein sehr trauriges Bild einer Person in einer städtischen Umgebung und bildete die Grundlage für die Stimmung des Films.“


Können sich die Filme während des Produktionsprozesses im Vergleich zu ihrem Ursprungskonzept drastisch verändern?

„Ja. Bei „Charlie staubt Millionen ab“ hatte der letztendliche Film nichts mehr mit der Atmosphäre des eigentlichen Drehbuchs zu tun. Die Geschichte war ursprünglich ziemlich ernst und sehr gut geschrieben. Paramount wollte den Film machen, und Michael Caine war bereit mitzuspielen. Aber Michael Caine passte einfach nicht richtig in diesen Film. Er veränderte sich, als wir die Casting-Entscheidungen trafen. Wir mussten all die unterschiedlichen Charaktere unter einen Hut bringen, darunter Benny Hill, Fred Emney und all diese Leute, die die Ernsthaftigkeit des Films einfach hinwegfegten. So wurde eine harmlose, unschuldige und lustige Komödie daraus. Es war im Grunde noch dasselbe Drehbuch, aber das Casting änderte das Gleichgewicht völlig. Der Autor hasste den Film, bis er ihn gesehen hatte, weil ich seine Geschichte veränderte.“


Sie haben zahlreiche Klassiker produziert. Gab es Momente, in denen die Dinge nicht so liefen, wie Sie wollten?

„Ich lehnte das erste Buch eines jungen Autors mit dem Titel „Der Schakal“ ab. Ich las es und sagte ihm: ‚Es tut mir leid, aber daraus wird einfach kein Film. Wir wissen, dass Charles de Gaulle lebt, also ergibt ein Film über seine Ermordung einfach keinen Sinn.“ Er fand letztendlich einen erfahreneren und besseren Produzenten als mich, der erkannte, dass der Film nicht das war, wofür ich ihn gehalten hatte (es ging darum, wie die Ermordung aufgehalten wurde), und Zack!“


Finden Sie, dass die Art der derzeit finanzierten Filme sich von denen unterscheidet, die Sie damals produziert haben?

„Ich erkenne keinen großen Unterschied zu den Werken der 1960er- oder 1970er-Jahre. Heute machen die Studios beispielsweise diese gewaltigen Marvel-Filme. Sie sind ein absolutes Spektakel an Farben, Action und Geräuschen für einen gewissen Zeitraum und scheinen eher anspruchslosen, aber zweifelsohne auch einigen anspruchsvollen Leuten zu gefallen. Es ist alles eine große Präsentation. Die Studios wollten schon immer auf Nummer sicher gehen, aber gleichzeitig etwas Besonderes haben. Das ist ein schwieriges Spiel.“

John Wayne and Michael Deeley shaking hands at the Oscars, Michael holding an award.
John Wayne und Michael Deeley bei der Oscarverleihung 1979. In diesem Jahr gewannen Deeley, Barry Spikings, Michael Cimino und John Peverall den Oscar für den besten Spielfilm für „Die durch die Hölle gehen“. © Academy of Motion Picture Arts and Sciences. (Bild aus dem Buch „Blade Runners, Deer Hunters and Blowing the Bloody Doors Off: My Life in Cult Movies“ von Michael Deeley und Matthew Field.)
Michael Cimino and Robert De Niro in costume and on set for The Deer Hunter.
Michael Cimino und Robert De Niro am Drehort von „Die durch die Hölle gehen“ (1978), Produzent: Michael Deeley. (Bild aus dem Buch „Blade Runners, Deer Hunters and Blowing the Bloody Doors Off: My Life in Cult Movies“ von Michael Deeley und Matthew Field.)

Ist es heute einfacher als damals, Filmemacher zu werden?

„Es gibt heutzutage mehr Gelegenheiten für Produzenten. Plötzlich investieren Amazon und Netflix viel Geld, und das ist gut für die Branche und alle, die darin arbeiten. Ich denke, es ist in gewisser Weise einfacher, aber die Branche war früher stärker reguliert, sodass es einfacher war, seine Lektion zu lernen. Heute stelle ich es mir sehr schwer vor zu wissen, an wen man sich wenden soll, wenn man einen Film finanzieren möchte. Für die einzelnen Filmemacher liegt die Schwierigkeit darin, den Film in die Tat umzusetzen. Man nutzt alle verfügbaren Mittel, um die Finanziers zu überzeugen, das nötige Geld dafür zu geben. Es ist aber immer noch wichtig, eine gute Geschichte zu finden, die richtigen Schauspieler zu wählen und einen Regisseur zu verpflichten, den man mag. Daran hat sich glaube ich nichts geändert.“


Welche Ratschläge würden Sie jemandem geben, der in der Branche Fuß fassen möchte?

„Denke nicht, dass du den Himmel betrittst, denn das tust du nicht. Ich bevorzuge den Einstieg über den Job selbst. Was auch immer du am Ende gerne tun möchtest, fang bei den Grundlagen an – zweiter Cutter, Klappenjunge, dritter Toningenieur, was auch immer. Das hat folgende Vorteile: 1. Man hat schon mal ein Einkommen, und 2. wenn man sich dann zum Produzenten oder Regisseur hochgearbeitet hat, wissen alle Crewmitglieder, dass du die Grundlagen kennst und ganz unten angefangen hast, statt einfach von der Filmschule zu kommen und zu sagen: ‚Ich werde jetzt Regisseur‘.“


Welche Filme bevorzugen Sie?

„Ich habe tatsächlich nur einen Film eines Genres gemacht, das ich normalerweise selbst schaue, und das ist „Charlie staubt Millionen ab“. Meine Lieblingsfilme sind ziemlich einfach, Sachen wie „My Big Fat Greek Wedding“. Sie sind albern, romantisch, hauptsächlich lustig, aber bis auf „Charlie staubt Millionen ab“ habe ich nie solche Filme gemacht. Und obwohl er keinem Film gleicht, den ich je produziert habe, liebe ich „Mamma Mia“. Ich bin mir absolut sicher, dass der zweite Film ein Hit wird. Es ist die gleiche Besetzung, und auch wenn sie alle ein bisschen älter sind, wird das funktionieren. Es gibt nicht viele Filme dieser Art.“


Welcher Film hat Sie rückblickend am stärksten bewegt?

„Oh je. Am glücklichsten macht mich natürlich „Charlie staubt Millionen ab“. Am stolzesten bin ich auf „Blade Runner“. Am ärgerlichsten über Dinge, die besser hätten sein können, bin ich bei „Die durch die Hölle gehen“, aber so ein Oscar tröstet darüber hinweg. Keiner dieser Filme ist für mich perfekt. Selbst bei „Charlie staubt Millionen ab“ gab es Dinge, die man anders hätte machen sollen.“



„Blade Runners, Deer Hunters and Blowing the Bloody Doors Off: My Life in Cult Movies“ von Michael Deeley und Matthew Field ist jetzt über The History Press erhältlich.

Verfasst von Lucy Fulford and Beren Neale


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