Matsch, Schweiß und Zauber: Aufbau der ersten Korallenzuchtanlage der Seychellen

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Eine Gruppe lächelnder Menschen versammelt sich in einem dunklen Raum um ein großes, beleuchtetes Korallenlaichbecken.

Sandalen sind bei Matsch eher ungeeignet. Wer damit dennoch durch Matsch läuft, merkt schnell warum. Sie versinken darin, bleiben kleben und quietschen. Aber in dieser Geschichte ließen sich die Sandalenträger:innen nicht davon abschrecken, denn es gab Wichtigeres zu tun.

Auch einer dieser auf den Seychellen im November üblichen heftigen tropischen Regenschauer konnte sie nicht von ihrer Arbeit abhalten. Trotz schlechter Sicht holten sie eine Kiste nach der anderen sowie jedes einzelne Bauteil aus den großen Containern und trugen sie zu ihrem Einsatzort. Denn die Zeit war knapp und Mutter Natur ist bekanntermaßen unberechenbar. 

Aber lassen Sie uns ein paar Monate und mehrere tausend Kilometer zurückzugehen. Dahin, wo das Wetter trockener ist und Dr. Jamie Craggs samt seinem Team von Coral Spawning International den Transport dieser äußerst wertvollen Fracht von ihrem Hauptsitz in London zu Dr. Nirmal Shah sowie den Meereswissenschaftler:innen von Nature Seychelles planten – ein in ihrer Geschichte beispielloser Transport. Auf vier Kisten mit dem Gesamtgewicht eines SUVs verteilt, befand sich eine komplette, einsatzbereite Korallenzuchtanlage mit Systemen für die Laichung von Zuchtkorallen, Embryonenaufzucht und Ansiedlung. Dazu gehörte auch ein vierteiliges V-förmiges Strömungsbecken – im Grunde genommen ein langer Tank, in dem Wasser kontinuierlich von einem Ende zum anderen fließt, um die Bedingungen des Riffs nachzuahmen. 

Nach einer ereignislosen, aber langen Reise über Meere und Ozeane kam die Anlage in Victoria Port, Mahe, an. Dort wurde sie umgehend auf einen anderen Lkw und ein anderes Schiff verladen. Denn die Seychellen bestehen aus über hundert Inseln, die alle durch ein Netz aus Booten, Schiffen, Fähren, Flugzeugen und Hubschraubern miteinander verbunden sind. Ohne gute Logistik funktioniert hier nichts. Tatsächlich sind hier sämtliche Bereiche des Lebens mit dem Meer verbunden. Bei einem Problem mit dem Meer fühlen sich daher alle betroffen. Und derzeit „erschwert die Veränderung der Korallen das Fischen sehr“, so Marcus Dubel, ein Fischer von den Seychellen. Ohne Korallen gibt es keine Fische. Und Marcus verliert dadurch seine Lebensgrundlage. Die „Anlage in einer Kiste aus London“ könnte also tatsächlich sein Leben verändern. Aber nicht nur seines.

Arbeiter bewegen in einem tropischen Außenbereich mithilfe eines Kranwagens große Holzkisten mit der Aufschrift „Zerbrechlich“.
Ein professionelles Korallenzuchtbeckensystem mit blauer LED-Beleuchtung und Korallenkolonien im Inneren.

„Als wir vor etwa fünfzehn Jahren sämtliche Vögel gerettet hatten, begannen wir mit der Wiederherstellung der Korallenriffe – es gab nichts anderes mehr zu retten, also nahmen wir uns die Korallen vor.“ So Dr. Nirmal Shah, CEO von Nature Seychelles, halb im Scherz. Ihre Arbeit war unglaublich erfolgreich. In einer Welt, in der wir ständig von Klimakatastrophen, Artensterben und Umweltzerstörung hören, sind die Seychellen eine seltene Erfolgsgeschichte. Doch auch hier kommen vermehrt Fälle von Korallenbleiche vor, was für alle Inselbewohner:innen äußerst besorgniserregend ist. Deren Existenz bildet nicht nur die Lebensgrundlage fast aller Menschen, sondern sorgt auch für Ernährungssicherheit und Küstenschutz.

Durch die Einbindung der neuen Korallenzuchtanlage in die Einrichtung von Assisted Recovery of Corals (ARG) im Cousin Island Special Reserve begann eine neue Ära des Aufbaus von Korallen, wodurch ihre Bemühungen in einer bisher hier noch nie dagewesenen Weise Auftrieb erhielten. „Wir stehen zeitlich unter Druck“, sagt Dr. Craggs. „Die Korallen warten nicht auf uns. Also müssen wir alles machen, um sie rechtzeitig aufzubauen. Wenn es sein muss, arbeiten wir die ganze Nacht durch, aber wir werden es schaffen.“

Daher die Sandalen voller Matsch. Und deshalb hielt sie auch ein starker Wolkenbruch nicht davon ab, ein komplettes System für Korallenlaich und Embryonenaufzucht zu transportieren, auszupacken und zu installieren. Es war wirklich ein Wettlauf gegen die Zeit. Es konnte jederzeit mit dem Laichen losgehen – aber niemand konnte mit Sicherheit sagen, wann genau das sein würde.

Was wir jedoch wissen, ist, dass das Team erst dann die Laichgewohnheiten der Cousin-Korallen beobachten kann, nachdem sie eine Vielzahl saisonaler, Tageslicht- und Mondsignale so nachgebildet haben, dass die Korallen glauben, es sei spät in der Nacht – ihre natürliche Laichzeit –, obwohl es tatsächlich Tag ist. Erst nach diesem, als Phasing bekannte Verfahren, kann das große Strömungsbecken mit Jungkorallen gefüllt werden, die direkt außerhalb des Labors bei ARC leben werden. Mit dem von Jamie und dem Team von Coral Spawning International konzipierten, neuartigen System können über 8000 Korallen gleichzeitig aufgezogen werden.

Eine Person in einem weißen Kittel betrachtet einen großen, blau leuchtenden Tank mit Korallenproben.
Eine Person lächelt im Dunkeln, während sie einen großen Glasbecher mit leuchtenden, schwebenden Gameten in der Hand hält.

Bemerkenswert ist, dass das Auspacken und Aufbauen aller Elemente der neuen Anlage nur zwei Tage und Nächte in Anspruch nahmen – ein Paradebeispiel für die Teamarbeit, die den Erfolg von Nature Seychelles ausmacht. Müdigkeit war dabei niemandem anzusehen. Und selbst wenn, hätte die Aufregung dafür gesorgt, ihnen neuen Schwung zu verleihen…

„Laicht! Laicht! Laicht!“

Als Dr. Craggs knapp eine Stunde nach Sonnenuntergang ein letztes Mal an diesem Tag die Anlage kontrollierte– „Die Becken können nicht oft genug überprüft werden“ – entdeckte er, dass die Korallen bereits begonnen hatten zu laichen. Innerhalb weniger Minuten versammelten sich alle – staunend, bewegt und glücklicher als je zuvor, um dieses seltene Geschenk der Natur miterleben zu dürfen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass noch vor weniger als achtundvierzig Stunden die gesamte Anlage in Kisten verpackt war und sie bis auf die Haut durchnässt gewesen waren.

Und jetzt standen sie da in der Dunkelheit und konnten im sanften Licht der Beckenbeleuchtung Tausende von Gameten beobachten, die zur Oberfläche aufstiegen, um sich dann von ihnen einfangen zu lassen. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie winzige rote Punkte, doch die Wissenschaftler:innen, Freiwilligen und glücklichen Naturschützer:innen, die sich hier versammelt hatten, sahen viel mehr darin – nämlich den Höhepunkt einer Arbeit, die die Grenzen der Wissenschaft hinsichtlich der Korallenreproduktion verschiebt. Und Hoffnung für die Zukunft gibt.

Verfolgen Sie den Fortschritt unserer Arbeit mit Coral Spawning International und Nature Seychelles hier auf ANSEHEN.

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