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Von Reuters bis Magnum: 9 Überlegungen zum Fotojournalismus von Ayperi Karabuda Ecer

Ayperi Karabuda Ecer blickt auf eine beeindruckende Erfahrung im Fotojournalismus zurück. Sie war Juryvorsitzende beim World Press Photo Contest, arbeitete als Chefredakteurin bei Magnum Photos Paris und vieles mehr.

Ayperi Karabuda Ecer begann ihre Karriere 1984 bei der französischen Fotoagentur SIPA. Seitdem war sie als Chefredakteurin bei Magnum Photos Paris, Vice President of Pictures bei Reuters und Juryvorsitzende beim World Press Photo Contest tätig. Sie hat Fotojournalisten bei ihrem Aufstieg und bei ihrem Scheitern beobachtet. Hier erzählt sie uns, was sie in mehr als drei Jahrzehnten in der Branche über den Fotojournalismus gelernt hat.

1. Fotografie ist größer als Fotojournalismus
„Ich glaube nicht, dass der Fotojournalismus so, wie er einst erfunden wurde, unverändert weiter besteht“, sagt Ayperi. „In der Zukunft wird es viele verschiedene Arten geben, Fotografie einzusetzen – mit oder ohne Journalismus. Bilder rufen Ereignisse, Menschen, Situationen und die Gesellschaft ins Bewusstsein. Die Fotografie ist heute viel offener und inklusiver als früher. Sie integriert viele verschiedene Stile und Erzählweisen, und das ist gut so. Wir haben das romantische Bild von harten Kerlen, die um die Welt reisen, hinter uns gelassen. Die Fotografie ist jetzt uns allen vertraut und ein wichtiger Bestandteil des Alltags.“


2. Fotojournalisten müssen das Vertrauen der Öffentlichkeit gewinnen
„Wir haben das Misstrauen unterschätzt, dass die Leute heutzutage Journalisten entgegenbringen. Waren sie früher eine vertrauenswürdige Quelle und wurden mit Respekt behandelt, stehen Journalisten heute auf die Leiter der vertrauenswürdigen Personen ganz unten. Das betrifft alle Arten von Journalismus – Fotografie und das geschriebene Wort. Interessant sind die neuen Formen [des Fotojournalismus], die daraus entstehen können, und wie man diesem Misstrauen entgegenwirken kann. Man muss einen Mehrwert liefern, um dieses Misstrauen zu überwinden. Dies kann durch die Durchführung wichtiger Untersuchungen erfolgen, indem man etwas aufdeckt, das sonst niemand kann, oder indem man ein einzigartiges Format entwickelt.“

Christian Ziegler’s

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3. Unterschiedliche Stimmen sind hervorragend für Fotografie
„Talent ist heute überall. Beispielsweise stammt ein Großteil der visuellen Technologie aus Asien. Ganze Generationen von Menschen wachsen also mit dem Zugang zu all dieser Technologie auf und werden visuell ‚gefüttert‘. Wenn man aus unterschiedlichen Kulturen stammt, erzählt man auch Geschichten auf unterschiedliche Weise, ob aus der eigenen Perspektive, der des eigenen Landes oder einer anderen. Es geht weniger darum, einen Ort zu besuchen, sondern mehr darum, dass Menschen ihre Heimat und die Dinge, die ihnen am Herzen liegen, fotografieren.“


4. Fotografen und Autoren arbeiten am besten zusammen
„Ich war schon immer überzeugt, dass die Verbindung zwischen Fotografie und Text wirklich wichtig ist. Ich rate junge Fotografen sicherzustellen, dass sie sich mit Autoren zusammentun, da man nicht ‚nur‘ Fotograf sein kann. Man muss einen starken Eindruck bei den Menschen hinterlassen, die die Künstler, Schriftsteller und Spieler der eigenen Generation sind. Genau wie die große Generation der Fotojournalisten nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie waren nicht nur Fotografen, sondern Teil einer fantastischen künstlerischen Umgebung. Sie kannten all die kreativen Menschen ihrer Zeit. Fotografie sollte nicht isoliert sein. Als Fotograf muss man einfühlsam sein. Man muss beobachten, leidenschaftlich sein und Einfühlungsvermögen zeigen. All das findet man auch in der Literatur.“

5. Kontext ist der Schlüssel
„Die Leute möchten nicht nur tolle Bilder sehen, sondern sie wollen auch Kontext, und die Technologie von heute macht das möglich. [Auf einer Website] kann man sich immer weiterklicken und über Bildtitel, Fakten und Daten mehr und mehr erfahren. Das Bild öffnet die Tür und berührt die Menschen emotional. Dann muss man ihnen aber auch vermitteln, was da eigentlich los ist. Im klassischen Fotojournalismus wurde das oft nicht ausreichend getan. Die Technologie eignete sich nicht so gut für Aufnahmeserien, wir hatten nicht genügend Informationen über den Fotografen, und oft fehlten die Bildunterschriften. Es ist also fraglich, ob die erzeugte Wirkung auch wirklich das Verständnis förderte.“


6. Moderne Fotografen müssen viele Fähigkeiten besitzen
„Ich habe in den vergangenen zehn Jahren mehr intelligente Vorschläge und Projekte gesehen als in all den vergangenen Jahren zusammen, weil Fotografen heute unterschiedliche Talente benötigen. Alles muss perfekt durchdacht sein. Man kann nicht nur eine visuelle Person sein. Man muss gleichzeitig Redakteur, Fotograf, Verkäufer, Archivar und vieles mehr sein. Es ist schwer, das alles unter einen Hut zu bekommen, aber offensichtlich gelingt das vielen der neuen Generationen.“


7. Fotojournalisten benötigen viele Einnahmequellen
„Bei einer Branche muss man immer schauen, wo das Geld herkommt. So kann man mehr über die Branche selbst lernen. Heutzutage ist es nicht lukrativ, als Fotojournalist für Medien zu arbeiten [da die Werbe- und Zeitungskioskumsätze vieler Druckpublikationen sinken]. Die meisten Fotojournalisten verdienen heute ihr Geld durch Aufträge von Nichtregierungsorganisationen. Diese Art der Fotografie, selbst wenn sie von fantastischen Fotojournalisten produziert wurde, ist kein Fotojournalismus: Es handelt sich um eine Art von Befürwortungsfotografie, weil man gebeten wird, etwas für Menschen zu fotografieren, die ein klares Ziel verfolgen.“


8. Unsere Helden nahmen auch kommerzielle Aufträge an
„Angesichts von Crowdfunding, Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen sind die Finanzierungsmodelle jetzt vielfältiger als früher. Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch arbeiteten viele Fotojournalisten auch an kommerziellen Aufträgen – es wurde aber einfach nicht viel darüber gesprochen. Die Arbeit für Unternehmen galt nicht wirklich als schick. Henri Cartier-Bresson arbeitete beispielsweise für IBM. Viele Menschen – selbst in dieser herausragenden Zeit für den Fotojournalismus – suchten andere Methoden, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Kommerzielle Aufträge waren eine große Sache.“


9. Die Zukunft sieht gut aus
„Ich blicke positiv in die Zukunft. Viele junge Menschen heute möchten nicht nur die Realität dokumentieren – sie wollen die Fotografie anders einsetzen, was bedeutet, dass es heute noch vielfältigere Bilder auf der Welt gibt. In der Zukunft werden wir erleben, dass einige über große globale Geschichten berichten, wie die Umwelt und Migration, wir werden aber auch zahlreiche lokale Berichte über Dinge erhalten, die zuvor nicht als interessant galten. Diese lokalen Geschichten behandeln die Aspekte, die für das Leben der Menschen wichtig sind, und zeigen ihren Alltag auf viel umfassendere Weise, beispielsweise indem sie Menschen in ihren Wohnungen besuchen und Zeit mit ihnen verbringen. Das Fotografieren dieser bekannten Aspekte ist aus visueller Sicht schwieriger als die Aufnahme einer dramatischen Situation, wie Drogenmissbrauch oder Gewalt.


Wir werden in Zukunft auch Geschichten erfahren, an die wir jetzt noch gar nicht denken. Früher sollte man ein Bild sehen und es sofort verstehen. Heute gibt es eine echte Chance für Bildmaterial, das weniger klar ist. Dieses spricht den Betrachter an und gibt ihm Zeit, darüber nachzudenken. Es gibt eine ganze Generation von Menschen, die Bilder kreieren, die zum Träumen, Denken und Überlegen anregen, und das ist großartig.“

Verfasst von Rachel Segal Hamilton


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