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Fünf Probleme von Fotografiestudenten – und wie sie sich meistern lassen

Führende Fachleute der Fotobranche trafen sich virtuell, um über Probleme zu sprechen, die junge Fotografen heutzutage haben, und mögliche Lösungen zu erläutern. Hier findest du ihre besten Tipps.
Von oben aufgenommenes Bild eines jungen Mädchens mit Jeanskleid, das fröhlich auf einer Schaukel spielt. Es lehnt sich nach hinten, und seine Augen sind geschlossen.

„Girl on Swing“ (Mädchen auf der Schaukel) aus der 2005–2014 Serie „In the Shadow of the Pyramids“ (Im Schatten der Pyramiden) von Laura El-Tantawy. Die britisch-ägyptische Fotojournalistin war eine von mehreren Canon Botschaftern, die während des 2021 Canon Student Development Programme Tipps und ihre Erfahrung an junge Fotografen weitergaben. Aufgenommen mit einer Canon EOS 30D (mittlerweile ersetzt durch die Canon EOS 90D) mit 70 mm, Verschlusszeit 1/800 Sek., Blende 1:16 und ISO 200. © Laura El-Tantawy

Wie bei allen einträglichen Karrieren ist auch die Fotografie ein hart umkämpftes Geschäftsfeld. Doch das Canon Student Development Programme gibt der nächsten Generation von Fotografen einen Vorsprung.

Bei der jährlichen Veranstaltung bekommen Studenten praktische Tipps von einigen der einflussreichsten Experten der Fotobranche. Beim Programm 2021, das virtuell stattfand, waren Rickey Rogers von Reuters Pictures, Magnum Kandidat Lindokuhle Sobekwa und Fiona Shields vom Guardian sowie die Canon Botschafter Laura El-Tantawy, Gulshan Khan, Gabriele Galimberti, Ilvy Njiokiktjien und viele weitere dabei.

Wie immer drehte sich die Veranstaltung um die vielen Herausforderungen, denen Fotografiestudenten gegenüberstehen, und wie sie diese meistern können, um letztendlich die nächste Stufe ihrer Karriereleiter zu erreichen. Hier erfährst du, welche Schwierigkeiten angesprochen wurden und welche Tipps die führenden Experten der Branche hatten.
Nahaufnahme des LCD-Monitors einer Canon EOS R5 Kamera, mit der eine Person eine Bergkulisse filmt.

Videoaufnahmen werden für Fotojournalisten immer wichtiger, da Zielgruppen immer mehr bildgeführte digitale Kanäle und weniger traditionelle Printmedien aufrufen und Videos anstelle von Text bevorzugen. © Ivan D'Antonio

1. Der Druck, Multimedia-Geschichten liefern zu müssen

„Wenn du heutzutage als Fotograf im Bereich „Nachrichten“ arbeiten möchtest, musst du dich auf jeden Fall mit Video auskennen“, sagt Canon Botschafter und Fotojournalist Magnus Wennman. „Du wirst nie einen Job finden, wenn du keine Videoaufnahmen machen kannst. Es gehört heutzutage einfach zum Beruf des Fotografen dazu, weil Zeitungen kaum noch gedruckt werden, und alles online ist. Deshalb brauchen wir Videoaufnahmen, um mit anderen Nachrichtenmedien mithalten zu können.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Studenten sich bereits besser mit den technischen Aspekten von Videos auskennen als ich, aber mein Tipp ist trotzdem, die Journalistenarbeit von der Pike auf zu lernen: wie du einzigartige Geschichten findest, die Zielgruppen ansprichst und ihre Aufmerksamkeit auf sie ziehst. Wenn es etwas gibt, von dem wir mehr benötigen, dann ist es das: einzigartige Geschichten aus der ganzen Welt.“
Schwarz-Weiß-Porträt von Magnus Wennman mit Baseballkappe.

Magnus Wennman

Wennman ist Canon Botschafter und mit über 80 Auszeichnungen, darunter sechs World Press Photo Awards in den verschiedensten Kategorien, einer der erfolgreichsten Fotografen Schwedens. Seit 2001 arbeitet er als angestellter Fotograf bei einer der größten Tageszeitungen Skandinaviens, Aftonbladet.

2. Eine ansprechende Idee vorstellen

Es war noch nie so leicht, seine Arbeit einem begeisterungsfähigen Onlinepublikum zu zeigen, aber eine erfolgreiche Geschichte einem Redaktionsleiter zu präsentieren, ist etwas ganz anderes.

Der Trick ist, klar und prägnant zu sein, so Fiona Shields, Head of Photography beim Guardian in London. „Baue deine Präsentation in der Form einer Pyramide auf. Gib ihr eine Überschrift, eine Kurzdarstellung, und gehe dann im dritten Element ausführlich darauf ein, was das sein könnte. Überzeuge uns, warum etwas aktuell oder genau zum jetzigen Zeitpunkt nützlich ist. Und dann lege eine PDF deiner Bilder vor, sodass jeder Fotoeditor auf den ersten Blick die Qualität deiner Arbeit sehen kann.
Fiona Shields. Foto von Paul Hackett.

Fiona Shields

Shields ist Head of Photography beim Guardian in Großbritannien. Sie hat über zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Bildbearbeitung im Nachrichtenwesen, etwa bei den Terroranschlägen vom 11. September, dem arabischen Frühling und der Flüchtlingskrise.
„Zeig eine breite Palette von Stilen, aber erbringe auch den Nachweis, dass du Vorgaben befolgen kannst. Ich glaube, jede Zeitschrift, die deine Arbeit in Auftrag geben würde, möchte sehen, dass du zu ihrem Fotografiestil passt. Gleichzeitig solltest du auch etwas riskantere Arbeiten zeigen, die du möglicherweise machen möchtest, also etwas, das vielleicht etwas künstlerischer ist.“
Auswahl von Fotos, auf einem Tisch verteilt.

Bei der Auswahl deiner Portfoliobilder ist es immer gut, so viel Abwechslung wie möglich zu zeigen, um den Umfang der Geschichte und deine technischen Fähigkeiten zu präsentieren. © Paul Hackett

3. Dafür sorgen, dass deine Arbeit heraussticht

Dein Bildportfolio ist dein Sprungbrett, um Fuß zu fassen, aber das, was du auslässt, ist genauso wichtig wie das, was du zeigst. „Fotografie muss in gewisser Hinsicht wie Essen gesehen werden“, meint Thomas Borberg, Photo Editor-in-Chief bei der Zeitschrift Politiken in Dänemark.

„Die Bilder sind mit Zutaten zu vergleichen. Du musst die besten nehmen, sie in einen Topf werfen und köcheln lassen, das ist der Redaktionsprozess. Und dann musst du sie schön anrichten. Aber du benötigst richtig gute Zutaten. Wenn du Bilder hast, die nicht gut genug sind, dann sollten sie nicht Teil dieses Gerichts sein. Du musst sie auf eine Art servieren können, die mich richtig neugierig macht. Du willst sofort meine ungeteilte Aufmerksamkeit gewinnen.“
Thomas Borberg. Foto von Paul Hackett.

Thomas Borberg

Borberg war als Lehrer für Fotojournalismus, Prüfer und Gastdozent, Redakteur für Buchprojekte und Jurymitglied bei führenden Fotowettbewerben tätig. Derzeit ist er Photo Editor-in-Chief bei der Zeitung Politiken in Dänemark.
Rickey Rogers, Global Editor bei Reuters Pictures, meint auch, dass du mit deiner Auswahl sparsam sein solltest, wenn du nicht das Interesse eines vielbeschäftigten Redakteurs verlieren möchtest: „Wir haben Leute aufgrund eines Portfolios mit fünf Bildern eingestellt, weil sie so unglaublich waren. Und manchmal sehen wir Portfolios mit 50 Bildern, und das ist, ehrlich gesagt, sehr mühsam, sich da durchzuarbeiten. Du musst also deine besten Werke präsentieren – und weniger ist mehr.“
Porträt von Rickey Rogers.

Rickey Rogers

Bevor Rogers zu Reuters Pictures wechselte, arbeitete er als Ölfeld-Geologe und gründete anschließend die erste Nachrichtenagentur Boliviens. Früher war er Cheffotograf für Lateinamerika und Nordamerika von Reuter, mittlerweile ist er in London als Global Editor der Nachrichtenagentur tätig.

4. Den Überblick über soziale Netzwerke zu behalten

Die sozialen Netzwerke sind natürlich unerlässlich dabei, deiner Fotografie Kraft zu verleihen, mit einer sorgfältig ausgewählten Bildsammlung, mit der du deine Marke definieren kannst. Aber wie kannst du dafür sorgen, dass dein Profil auffällt?

„Mir ist das Design total egal“, sagt Lars Lindemann, Director of Photography beim GEO Magazin. „Es kommt nur auf die Fotografie an. Videos können eine gute Ergänzung sein, da sie dir besser zeigen können, wie jemand arbeitet. Aber es ist nicht das Design oder wie du deine Posts gliederst oder wie oft du etwas postest, sondern es die Qualität der visuellen Arbeit selbst.

„Mir ist aufgefallen, dass einige Leute auf Instagram oder Facebook richtig komische Namen verwenden, was wohl noch aus der Zeit stammt, als viele versuchten, in den sozialen Netzwerken anonym zu bleiben, was ich verstehe. Aber wenn du es professionell nutzt, dann solltest du für dein Profil deinen richtigen Namen verwenden.“
Schwarz-Weiß-Porträt von Lars Lindemann.

Lars Lindemann

Lars Lindemann ist Director of Photography und stellvertretender visueller Direktor bei GEO und PM. Er ist autodidaktischer Fotoeditor, Fotograf und Fotoausstellungskurator sowie Mitbegründer des Hamburg Portfolio Review.
Canon Botschafterin Laura El-Tantawy betont den Wert des Texts, mit dem du deine Fotos in den sozialen Netzwerken beschreibst. „Es ist wichtig, sich die Worte neben unseren Posts gut zu überlegen, da diese oft problematisch sein können, wenn du etwa den falschen Hashtag für etwas benutzt, mit dem andere nicht einverstanden sind. Ich finde, es gibt eine Verantwortung, die mit den Bildern einhergeht, aber auch mit den Wörtern, die wir verwenden.“
Canon Ambassador and documentary photographer Laura El-Tantawy.

Laura El-Tantawy

El-Tantawy ist eine britisch-ägyptische Fotografin und Canon Botschafterin. Sie hat Journalismus und Politikwissenschaft an der University of Georgia, USA, studiert, bevor sie als Nachrichtenfotografin für regionale Zeitungen in Amerika gearbeitet hat. Mit ihrer Arbeit gewann sie 2020 den W. Eugene Smith Memorial Fund Grant und den PHmuseum Women Photographers Grant.
Ein Mann geht an weißen Anzeigetafeln bei einer Fotografieausstellung vorbei.

Das Canon Student Development Programme wird normalerweise beim internationalen Festivals des Fotojournalismus „Visa pour l'Image“ in Frankreich abgehalten, das dieses Jahr jedoch online stattfand.

5. Grenzen setzen und deine psychische Gesundheit schützen

Wenn du in eine Geschichte abtauchst, die dich persönlich betrifft, oder wenn du dich auf ein Thema konzentrierst, für das du dich mit Leidenschaft engagierst, kannst du deinem Werk Tiefe und Bedeutung verleihen. Es erfordert auch ein Maß an Verantwortung, für deine Probanden und für dich selbst. Wie weit solltest du deine persönlichen Grenzen überschreiten, wenn du nach diesen Momenten der Wahrheit suchst?

„Wenn ich meine Aufnahmen bearbeite und ich ein Bild sehe, bei dem ich mich nicht wohl fühle, dann stelle ich mir zuerst mich selbst auf dem Bild vor. Würde ich mich wohl fühlen, wenn ich von jemand anderem so dargestellt würde?“ sagt der südafrikanische Dokumentarfotograf Lindokuhle Sobekwa, der auch Mitglied von Magnum Associate ist. „Nach dem Gespräch gehe ich zurück zu den Leuten, die ich aufgenommen habe. Wie denken sie über dieses Foto? Meistens haben sie ihre eigenen Ideen, und dann folgt die Zusammenarbeit.“
Schwarz-Weiß-Porträt von Lindokuhle Sobekwa.

Lindokuhle Sobekwa

Sobekwa ist ein südafrikanischer Dokumentarfotograf, der 2012 mit dem Fotografieren begann. Seine Arbeit wurde in der südafrikanischen Mail sowie im Guardian, Vice Magazine und De Standaard veröffentlicht und auch auf dem Ghent Photo Festival in Belgien ausgestellt. Seit 2018 ist er als Magnum-Kandidat nominiert.
Canon Botschafterin Bieke Depoorter sagt, dass sie oft Grenzen überschreitet, vor allem bei der Arbeit an ihrem Langzeitprojekt Agata, das sich mit der komplexen Beziehung zwischen Fotograf und Motiv beschäftigt und sich auf eine Frau konzentriert, die Depoorter in einem Stripclub in Paris kennengelernt hat. „Es hat sich zu etwas entwickelt, womit ich nie gerechnet hätte. Auf dem Umschlag des Buchs sage ich, dass ich aufhören möchte, weil es mir zu nah geht. Aber dir wird natürlich immer erst bewusst, dass es zu viel ist, nachdem du die Grenze überschritten hast. Ich denke, es ist wichtig, Pausen zu machen und nicht auf den Druck von außerhalb zu achten, etwas zeigen zu müssen.

Lindokuhle ist der Meinung, dass er den Druck etwas herausnehmen kann, wenn er zwei oder drei Projekte gleichzeitig bearbeitet. „Wenn ich merke, dass mir ein Projekt zu viel wird, dann wende ich mich einem anderen Projekt zu. Und dann, wenn ich mich wieder mit dem ersten Projekt beschäftige, kann ich es mit einem unverstellten Blick betrachten. Du musst dich um dich selbst kümmern. Du könntest meditieren und Dinge aufschreiben. Es hilft auch, wenn du mit jemandem über die Herausforderungen deiner Arbeit sprechen kannst. Es gibt immer Hilfsmittel, die einem Fotografen dabei helfen können, damit umzugehen.“
Porträt von Bieke Depoorter, die eine Kamera bei wenig Licht hält.

Bieke Depoorter

Depoorter begann ihr Fotografiestudium mit 18 Jahren. 2009 erlangte sie an der Königlichen Akademie für Schöne Künste ihren Master in Fotografie. Seit 2016 ist die Gewinnerin des Magnum Expression Award, des Larry Sultan Award und des Prix Levallois vollwertiges Mitglied von Magnum Photos.

Verfasst von Marcus Hawkins


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