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Immer auf der Suche nach Geschichten: Magnum-Fotograf Jérôme Sessini erklärt, wie man seine fotografische Stimme findet

Ein Mann, der sein Bein während einer Bombardierung in Idlib verloren hat, sitzt in einem notdürftigen Zelt in West-Bekaa, Libanon. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark III am 20. Oktober 2013. © Jérôme Sessini/Magnum Photos

Jérôme Sessini hat wenig Zeit für Konvention. Die dokumentarischen Arbeiten des Canon Botschafters haben ihn in den Irak, nach Mexiko, in die Ukraine, nach Haiti und in den Libanon geführt, wo er über wichtige Konflikte berichtete. Dennoch sträubt er sich gegen die Bezeichnung „Kriegsfotograf“. „Ich betrachte mich eher als Geschichtenerzähler“, sagt der Magnum-Fotograf.

Die beiden Fotoserien, die er in der Ukraine aufnahm, brachten Sessini den ersten und zweiten Preis in der Kategorie „Spot News Stories“ des World Press Photo Contest 2015 ein. Seine Siegerserie „Crime Without Punishment“ untersucht das verheerende Wrack des Malaysia Airlines-Flugs MH17, der im von den Rebellen kontrollierten Gebiet in der Ostukraine abgeschossen wurde. Dabei kamen alle 283 Passagiere und 15 Crewmitglieder an Bord ums Leben. Die Szenen stellten die emotionale Stärke selbst der erfahrensten Journalisten auf die Probe.

Seine mit dem zweiten Preis ausgezeichnete Serie „Final Fight for Maidan“ dokumentiert die gewalttätigen Begegnungen zwischen der ukrainischen Polizei und den pro-europäischen Anti-Regierungsdemonstranten im Februar 2014. Die Demonstranten errichteten Barrikaden und besetzten den zentral gelegenen Maidan-Platz in Kiew. Am 18. Februar 2014 erreichten die fortlaufenden gewalttätigen Auseinandersetzungen ihren Höhepunkt, bei dem insgesamt 70 Menschen auf beiden Seiten getötet wurden.

Der französische Fotograf hat bereits mit uns über die emotionalen Folgen der Arbeit in Kriegsgebieten und über die Zukunft des Fotojournalismus gesprochen. In diesem Interview tritt er jedoch einen Schritt zurück, um zu erklären, wie er in der Branche Fuß fasste, warum er langfristige Projekte schätzt und was man braucht, um als Fotojournalist in einem schwindenden redaktionellen Markt erfolgreich zu sein.

A protester’s feet are seen standing on a metal wall in Cairo’s Tahrir Square.
Am 7. Februar 2011 versammelten sich Tausende von Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo und forderten, dass der ägyptische Präsident Hosni Mubarak sein Amt niederlegt. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark II. © Jérôme Sessini/Magnum Photos

Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?

„Als ich etwa 23 war (in den frühen 1990er Jahren), kaufte ich meine erste Kamera gekauft. Ich war von Bildern im Allgemeinen fasziniert – Gemälde, Fotografien – und auch von Geschichte. Als ich Bücher von Mark Cohen, Lee Friedlander und Diane Arbus sah, verstand ich, dass Fotografie eine Sprache der Seele war. Ich begann, Bilder in meiner Heimatstadt in Les Vosges aufzunehmen – Landschaften und Porträts von gewöhnlichen Menschen.“

1998 zogen sie nach Paris, um eine Karriere als Fotograf zu verfolgen, und fingen bei der Fotoagentur Gamma an. Wie kam es zu diesem Wechsel?

Christian Ziegler’s

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„Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung von der Fotografiebranche. Ich war ein totaler Amateur. Langsam begann ich zu lernen, wie ich meine Arbeit und mich selbst verkaufen müsste. Das ist der schwierige Teil. Ich begann, indem ich Nachrichtenbilder von Protesten in Paris fotografierte und an Gamma sendete. Nach einem Jahr schickte Gamma mich nach Albanien, wo ein Konflikt [der Kosovokrieg] herrschte. Der Redakteur sagte zu mir: ‚OK, du willst Fotograf sein? Das ist deine Chance.‘ Die Agentur gab mir 25 Rollen Film und 1.000 US-Dollar. Ich traf einen Journalisten in Albanien, der für eine französische Zeitung arbeitete, und sicherte mir meinen ersten Auftrag.“
An old car drives along the seafront strip called The Malecon in Havana, Cuba, in the rain.
Die Malecon in Havana (Kuba), kurz nachdem Raul Castro die Regierung von seinem Bruder Fidel übernahm, der Kuba fast 50 Jahre lang regiert hatte. „Die gesamte kubanische Bevölkerung war gespannt“, sagt Fotograf Jérôme Sessini. Aufgenommen am 17. Juni 2008 mit einer Canon EOS 5D. © Jérôme Sessini/Magnum Photos

Wie war Albanien im Vergleich zu Ihren Erwartungen? Wie gut vorbereitet waren Sie?


„Ich war völlig unvorbereitet. Ich bin nachts im Hafen von Durrës angekommen und wusste nicht, was ich tun oder wo ich hingehen sollte. Ich folgte einer Gruppe von Menschen, die sich dem Kampf der UÇK anschließen wollten. Aber sobald wir in Albanien eintrafen, ließen sie mich mit meiner Kamera allein. Ich traf diesen Journalisten, der mir seine Hilfe anbot. Ich hatte großes Glück. Damals war Albanien rau und gefährlich.“

Seitdem haben Sie viele kurzfristige Aufträge sowie ausführliche persönliche Serien wie ihr vierjähriges Projekt in Mexiko abgeschlossen. Wie hängen die beiden Ansätze zusammen?

„Mexiko war das erste Projekt, das ich über mehrere Jahre verfolgen wollte [statt über einen kürzeren Zeitraum]. Ich spreche Spanisch und habe viele Kontakte im Land. Ich wollte wirklich verstehen, was dort vor sich geht, und die Veränderungen Monat für Monat und Jahr für Jahr beobachten. Es ist schwierig, ein Projekt über viele Jahre fortzusetzen. Aber auch kurze Aufträge sind schwierig, weil man schnell reagieren muss. Manchmal kann eine News-Story zu einem Langzeitprojekt werden. Ich arbeite seit drei Jahren an einem Projekt in der Ukraine, das als einfacher Nachrichtenbericht begann. Es ist schwer zu erklären, woher man weiß, wann es sich um eine wichtige Story handelt, die man im Detail verfolgen sollte. Man fühlt sich einfach irgendwie zu den Menschen hingezogen. Das ist nichts Rationales.“

An Orthodox priest holds up a wooden crucifix in front of a wall of sand bags. A man wearing protective clothing and a helmet with a face guard holds a makeshift metal riot-style body shield in one hand, next to him.
Ein orthodoxer Priester segnet am 20. Februar 2014 die Demonstranten an einer Straßensperre in Kiew (Ukraine). Aus Sessinis Serie „Final Fight for Maidan“, die den Höhepunkt der Besatzung des Hauptplatzes in Kiew durch Anti-Regierungsdemonstranten vom November 2013 bis Februar 2014 dokumentiert. Ständige Gewalt zwischen Demonstranten und der Polizei führte zum Tod von 70 Menschen. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark II. © Jérôme Sessini/Magnum Photos

Identifizieren Sie sich mit den Problemen der Menschen, die Sie fotografieren? Ist es beispielsweise in den Barrikaden in der Ukraine schwer, sich nicht von den Geschehnissen mitreißen zu lassen?

„Ich kann Freundschaften schließen und dennoch meine eigene politische Meinung haben. Aber ich versuche, diese von der Fotografie fernzuhalten. Ich möchte mit meiner Arbeit nichts erklären, da Fotografie nicht alles erzählen kann. Ich will etwas aufzeigen und Emotionen darstellen. Ich bevorzuge Bilder, die Fragen stellen[ und keine Meinungen bieten]. Ich möchte, dass Menschen sich selbst ihr Bild machen.“

Heute scheint das Einzelbild seine Dominanz zu verlieren. Haben Sie das Gefühl, dass die Erzählung wichtiger ist als eine einzelne, ausdrucksstarke Aufnahme?

„Auf jeden Fall. Ich glaube an das Erzählen von Geschichten. Es ist ein bisschen wie bei der Musik: Wenn man Musik komponiert, hat man langsamere Momente, dann wieder Momente der Spannung – das gleiche versuche ich bei meinen Fotoserien. Ich denke immer in Bezug auf die gesamte Serie. Ich bin immer auf der Suche nach einer Geschichte, nicht nur einem einzelnen Bild.“

A Roma woman sits in front of a corrugated iron wall.
Eine Frau besucht die Sonntagsmesse in einem Roma-Lager in La Courneuve, Paris, am 4. Mai 2013. Während eines Auftrags in Frankreich für Médecins du Monde kehrte Sessini mehrmals auf eigenen Initiative nach La Courneuve zurück. Dies ist der älteste Roma-Slum in Frankreich, bestehend aus einer Kirche, drei Straßen und 80 Haushalten. Im Jahr 2015 löste die französische Polizei das Lager und quartierte rund 300 Roma aus. Während der Aufnahme der Serie „Romas in France“ war Sessini von der Passion der Roma während der Sonntagsmesse beeindruckt. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark III mit einem Canon EF 24-70mm f/2.8L II USM Objektiv. © Jérôme Sessini/Magnum Photos

Glauben Sie, dass es heute neue ethische Dilemmas für Fotografen gibt?

„Ja, es gibt einige Dinge, die wir in der Branche besprechen müssen. Ich hasse die Nachbearbeitung, die durchgeführt wird, um ein schlechtes Bild gut aussehen zu lassen. Bei all meinen Nachbearbeitungen geht es nur darum, meine Bilder neutraler und näher an der Realität zu gestalten, da eine digitale Aufnahme manchmal zu scharf ist und zu künstlich aussieht.

Einige Leute, die sich selbst als Puristen betrachten, sagen, dass Bilder unbearbeitet und nicht gestellt sein müssen. Das ist mir egal. Was mir wichtig ist, ist die Ehrlichkeit des Fotografen – wenn man seine Fotos stellt, ist das in Ordnung, aber man muss es den Menschen sagen. Wenn man Fotos stellt und die Menschen glauben lässt, dass sie echt sind, dann ist das ein Problem. Aber die Fiktion in der Fotografie kann ein sehr mächtiges Mittel sein, um Geschichten zu erzählen.“

Children stand next to a huge window, with one boy reaching up to touch the glass, overlooking the skyline of downtown Caracas.
Kinder spielen im unfertigen verlassenen Hochhaus Centro Financiero Confinanzas, auch bekannt als „Turm des David“, in der Innenstadt von Caracas, Venezuela. Aufgenommen am 1. Juni 2013, kurz nach dem Tod des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez in Sessinis Serie „Caracas post Chávez“. Hunderte von Familien besetzten das Gebäude über acht Jahre, nachdem es verlassen worden war, bevor sie zwischen 2014 und 2015 allmählich ausquartiert wurden. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark III. © Jérôme Sessini/Magnum Photos

Wie hat sich die Art, in der Sie Geschichten erzählen, verändert? Sie arbeiten immer häufiger mit bewegten Bildern ...

„Ich bin kein Filmemacher, aber ich verwende Video in bestimmten Situationen. Auf dem Maidan in Kiew war ich mit einigen Demonstranten in einer Barrikade, als Scharfschützen begannen, auf sie zu schießen. Ich saß zwei oder drei Stunden dort fest, und die Bilder begannen, sich zu wiederholen. Also wechselte ich zu Video. Die Action war aussagekräftiger als bei einem Einzelbild. Aber ich bin in erster Linie Fotograf, kein Videofilmer.“

Welche Ratschläge haben Sie für Fotografen, die gerade erst beginnen?

„Finde dich selbst, und versuche dann, du selbst zu bleiben. Das ist sehr schwierig – es ist leicht, sich in der Fotografie zu verlieren. Wenn man als Fotograf beginnt, weiß man nicht, in welche Richtung man gehen möchte, also probiert man vieles aus. Es nicht leicht, seinen eigenen Weg zu finden.“

Verfasst von Rachel Segal Hamilton


Jérôme Sessinis Ausrüstung

Die Ausrüstung, die Profis für ihre Fotos verwenden

Jérôme Sessini’s kitbag

Kamera

Canon EOS 5D Mark IV

Diese Vollformat-DSLR mit 30,4 MP erfasst unglaubliche Details selbst bei extremem Kontrast. Reihenaufnahmen mit 7 Bildern/Sekunde helfen dabei, den perfekten Moment abzupassen, während 4K-Video hochauflösendes Filmmaterial im DCI-Standard (4096 x 2160) liefert.

Objektiv

Canon EF 24-70mm 1:2,8L II USM

Dieses professionelle Standard-Zoomobjektiv bietet eine hervorragende Bildschärfe und robuste Qualität der L-Serie. Dank der konstanten Blende von f/2.8 können Sie herausragende Fotos selbst bei wenig Licht aufnehmen und die Schärfentiefe mit Leichtigkeit steuern.

Objektiv

Canon EF 50mm f/1.2L USM

Mit seiner unglaublich hohen Lichtstärke von 1:1,2 und einem Autofokus mit Ultraschallmotor erweist sich dieses ultraschnelle Objektiv als Top-Lösung für den Einsatz bei schlechten Lichtverhältnissen.

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