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Im Gespräch mit Anastasia Mikova Co-Regisseurin von „Woman“

A young woman sits in a black-draped ready to be interviewed on camera.
Anastasia Mikova (hinten stehend) bereitet sich für die Aufnahme eines Interviews für „Woman“ im Gare du Nord in Paris vor. Um sicherzustellen, dass alle Aufnahmen einheitlich sind, ist das Setup ungeachtet des Drehorts der Interviews weltweit gleich. Zum Einsatz kommen eine Canon EOS C300 Mark II mit einem Canon EF 70-200mm f/2.8L IS II USM Objektiv, die in 2,60 m Entfernung vom Stuhl der Interviewten aufgestellt wird. © Marco Strullu

Nachdem sie als Reporterin im französischen Fernsehen angefangen hatte, arbeitete die in Russland geborene Anastasia Mikova erstmals vor 10 Jahren mit Yann Arthus-Bertrand als Chefredakteurin für seine TV-Sendung „Vu du Ciel“ (deutscher Titel „Die Erde von oben“). So entwickelte sich eine Zusammenarbeit, die sich mit ihrer Arbeit als Regieassistentin für Yanns epischen Dokumentarfilm „Human“ fortsetzte. Heute ist sie Co-Regisseuren bei seinem aktuellen Projekt „Woman“.

Hier erzählt uns Mikova von ihrer Rolle bei „Woman“ und ihrer Vision für den Film.

Was hat Sie motiviert, sich an Yann Arthus-Bertrands vorherigem Film „Human“ zu beteiligen, und wie hat diese Erfahrung Sie als Filmemacherin beeinflusst?

„Ich habe seit ‚Die Erde von oben‘ viele Jahre mit Yann zusammengearbeitet. Dann setzte er seine Projekte fort, und ich habe meine eigene Arbeit wieder aufgenommen. Eines Tages rief er an und sagte: ‚Ich beginne einen neuen Film, etwas, was du noch nie gesehen hast, eine Revolution im Dokumentarbereich. Komm und arbeite mit mir zusammen.‘ Zuerst dachte ich, jemand wollte mir einen Streich spielen!“

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„Ich erinnere mich, dass wir uns trafen und Yann mir ein Stück Papier zeigte. Darauf stand die gesamte Idee des Films: ‚Ich möchte über die Menschheit sprechen und über das, was es bedeutet, heute ein Mensch zu sein. Was haben wir gemeinsam? Was unterscheidet uns voneinander?‘ Der Text endete auf sehr schöne Weise mit der Botschaft: ‚Nur Liebe kann die Welt retten.‘ So haben wir angefangen, und es dauerte fast vier Jahre, um „Human“ zu drehen, was für eine Dokumentation wirklich verrückt ist.“

„Human“ hat mich beruflich und persönlich vollkommen verändert. Es gibt ein vor und nach „Human“. Ich bin jetzt ein völlig anderer Mensch. „Human“ war eine einzigartige Erfahrung. Menschen, die ich noch nie gesehen habe, erzählten mir ihre vertraulichsten und persönlichsten Dinge. Manchmal vertrauten sie mir Dinge an, über die sie nie zuvor mit anderem gesprochen hatten.“

„Zudem führte das Projekt mich in Länder, die ich noch nie besucht hatte, und eröffnete mir Kulturen und Traditionen, von denen ich noch nie gehört hätte. Und es brachte mich in Situationen, die ich vielleicht nie erlebt hätte, wenn dieser Film nicht gewesen wäre. Ich habe schon viele Jahre vor „Human“ Dokumentarfilme gedreht, aber jedes Mal, wenn ich an einem Projekt arbeite, sagte ich mir: ‚Das ist nicht dein Leben, das ist deine Arbeit.‘ Wenn sich andere Menschen jedoch dir gegenüber vollständig öffnen, ist diese Distanz wie weggewischt. Es verändert dich.“

Welcher Aspekt beim Dreh von „Human“ weckte das Bedürfnis, einen weiteren Film über Frauen zu machen?

„Während wir „Human“ filmten, überraschte uns der Unterschied zwischen den Interviews mit Männern und Frauen. Wenn wir in eine Stadt oder ein Dorf kamen, um das Projekt vorzustellen, stellten uns die Männer viele Fragen, aber die Frauen saßen oft nur da, hörten zu und sahen uns etwas misstrauisch an. Sobald sie dann aber vor der Kamera saßen, war es so, als ob sie ihr ganzes Leben auf diesen Moment gewartet hatten. Sie haben diese Gelegenheit wirklich genutzt, um zu sagen: ‚Wir sind hier, und wir existieren.‘

Eines Tages sagte Yann: ‚Weißt du, ich glaube, wir sollten uns auf Frauen konzentrieren.‘ Und als er das sagte, wurde es offensichtlich. Wenn wir sehen, was mit den Frauen auf der ganzen Welt geschieht, und all diese unglaublichen Bewegungen beobachten, bei denen Frauen die Führung übernehmen und ihre Geschichten teilen, überrascht uns das wenig, da wir vor fünf Jahren bereits geahnt haben, dass dies geschehen wird.“

On a beach, Anastasia Mikova and a camera operator film a group of women.
Mikova beaufsichtigt den Dreh der Kontextaufnahmen vor Ort in der Republik Kongo. © Marco Strullu

Inwieweit – abgesehen von der Tatsache, dass Sie sich auf Frauen konzentrieren – unterscheidet sich der Film von „Human“?

„Wir entschlossen, dasselbe Interviewformat der Nahaufnahme des Gesichts beizubehalten. Wir haben verschiedene Dinge ausprobiert und festgestellt, dass dies die effizienteste Art ist, jemandem zuzuhören. „Human“ war so umfassend, dass wir den Film in verschiedene Themen aufteilen mussten, also Krieg, Familie, Glück. Zwischen diesen Interviews haben wir Luftbilder eingefügt, die Yann schon seit vielen Jahren aufnimmt. Bei diesem neuen Projekt möchten wir jedoch tiefer gehen, um herauszufinden, was es bedeutet, eine Frau zu sein.“

„Manchmal bringen dies drei Frauen aus drei verschiedenen Generationen zum Ausdruck, manchmal zwei Frauen aus verschiedenen Teilen der Welt. Manchmal handelt es sich um ein Mosaik verschiedener Frauen, die über ein universelles Thema sprechen. Es wird mehr Vielfalt geben. Es ist uns auch sehr wichtig, einen Einblick in das Leben dieser Frauen zu geben, daher werden wir mehr von ihrem Hintergrund zeigen. Es wird auch Momente geben, in denen Frauen singen, da es Dinge gibt, die sie nicht in Worte fassen, aber durch Musik ausdrücken können.“

Macht es Sie traurig, dass Sie viel großartiges Material bei den Interviews aufnehmen werden, für das einfach kein Platz im Film ist?

A woman with short, dyed red hair and tattoos wears a lilac top.

Hinter den Kulissen: Postproduktion bei „Woman“

Ein Einblick in den Schnitt von „Woman“ macht deutlich, wie das Team einige der technischen und narrativen Herausforderungen des Postproduktionsprozesses gemeistert hat.

Damit haben wir Tag für Tag zu kämpfen. Im besten Fall schafft es eine der Antworten aus dem Interview in den finalen Film. Das war schon bei „Human“ so, und es war schwierig. Gleichzeitig ist es bei der Zusammenarbeit mit Yann so unglaublich, dass es sich nie nur um einen Film handelt, sondern immer um ein Projekt. Es gibt den Hauptfilm, der in den Kinos veröffentlicht wird, und dann gibt es eine Wanderausstellung. Es gibt Dokumentarfilme, die wir speziell fürs Fernsehen aufnehmen, Dinge, die im Internet verbreitet werden...“.

„Obwohl viele Leute, die wir interviewen, nicht im Film selbst zu sehen sind, sind sie auf eine Weise dabei, und das ist beruhigend. Für „Woman“ möchten wir noch über das hinausgehen, was wir mit „Human“ getan haben, und ein riesiges globales Netzwerk von gemeinnützigen Organisationen schaffen, die sich um Frauenthemen kümmern. Wir möchten Konferenzen, Debatten, Vorführungen auf der ganzen Welt durchführen und einen Raum für Diskussionen schaffen.“

„Es geht auch um die Einzelperson. Jeder von uns stellt sich selbst Fragen. ‚Was mache ich? Wer bin ich, und was kann ich in dieser Welt anders machen, um eine Veränderung zu bewirken?‘“

A woman wears a pink and black Mexican wrestling mask.
Es wurden viele Hundert Interviews mit Frauen aller Altersgruppen und aus verschiedenen Kulturen weltweit geführt. © Marco Strullu

Sie haben diese besonderen Momente in Interviews erwähnt. Wonach suchen Sie genau? Wie schulen Sie Ihre Journalistinnen, um diese Momente hervorzukitzeln?

„Für „Human“ habe ich mehr als 600 Interviews geführt, und bei „Woman“ sind es bisher an die 1.000. Eine bestimmte Technik gibt es dabei nicht. Man bringt einfach seine eigene Persönlichkeit und die Art und Weise, wie man die Welt sieht, mit. Ich habe Journalistinnen mit zwei Kindern, die 45 Jahre sind und viel Erfahrung haben, und Journalistinnen, die 27 Jahre alt sind, vor zwei Jahren erst begonnen haben und die ich selbst geschult habe.“

„Ich sage allen: Wenn du mit einem Interview beginnst, musst du dir selbst sagen, dass die Frau vor dir ein unbeschriebenes Blatt Papier ist. Du weißt nicht, was auf dieser Seite geschrieben wird. Beim gesamten Interview geht es darum, in das Innere dieser Person vorzudringen. Nicht in ihren Kopf, und nicht nur in Bezug auf die Fakten ihres Lebens. Wir müssen wirklich versuchen, ein tieferes Verständnis darüber zu erlangen, wer sie ist.“

„In unserem Leben gibt es keine 10 unglaublichen Momente, die uns geprägt haben. Im Allgemeinen sind es nur ein oder zwei. Sie können mit den Erfahrungen als Mutter, bei der Arbeit, durchlebte Schwierigkeiten, Liebe, einfach allem zusammenhängen. Es geht darum, herauszufinden, was für ein Moment das für diese Person war. Alle Fragen dienen nur dazu, an diesen Punkt zu gelangen. Wenn du etwas spürst, konzentriere dich darauf. Denn das ist die Geschichte.“

Anastasia Mikova stands with two young women wearing Woman film t-shirts.
Mikova mit Kollegen beim Dreh von „Woman“ im Pariser Gare du Nord. © Marco Strullu

Manchmal sind die Momente, über die Sie sprechen, ziemlich erschütternd und manchmal positiv und motivierend. Achten Sie darauf, ein Gleichgewicht zwischen beidem zu finden?

„Als wir angefangen hatten, war es für mich wichtig, auf Papier festzuhalten, dass der Film sehr ausgewogen wird. Es gibt Fragen über Schwierigkeiten und Diskriminierung. Fragen über Liebe, Glück und die stärkere Rolle von Frauen. Aber um ehrlich zu sein, sind die meisten Geschichten, die wir hören, sehr schwer. Das Leben einer Frau ist oft ein Kampf.“

„Es gibt Frauen in CEO-Positionen, Frauen in der Politik, Frauen mit einer unglaublichen Karriere, die genauso viel Gewalt erlebt haben wie Frauen aus kleinen Dörfern, die keine Ausbildung und keine Rechte haben. Wir versuchen jedoch, die innere Stärke von Frauen zu zeigen, und wozu sie fähig sind.“

Der Großteil des Produktionsteams besteht aus Frauen. Warum?

„Das Journalistenteam besteht ausschließlich aus Frauen, weil es viele intime Fragen gibt. Wir sprechen über Regelblutungen, Sexualität und die Beziehung zu unserem Körper. Viele Frauen würden sich einem Mann nicht auf die gleiche Weise öffnen. Aber wir haben Kamerafrauen und Kameramänner. In einigen Kulturen muss der Ehemann dem Interview zustimmen, und [in diesen Fällen] kann es hilfreich sein, einen Mann im Team zu haben. Es ist beruhigend, dass sie denken: ‚Ich kann mit ihm sprechen, und meine Frau kann mit der Frau mitgehen.‘ Ich möchte nicht, dass „Woman“ ein Film ist, der nur von Frauen für andere Frauen gemacht wird. Das Ziel lautet, mit allen zu sprechen. Ich finde es großartig, dass ein Mann und eine Frau hinter diesem Film zusammenarbeiten.“

A woman wears a purple headscarf decorated with colourful triangles.
Selbst in Ländern, in denen bestimmte Themen tabu sind, war es Mikova wichtig, dass ihre Journalistinnen dieselben Fragen stellen, die sie auch Frauen in anderen Ländern gestellt haben. © Marco Strullu

Stellen Sie immer dieselben Fragen, auch in Ländern, in denen bestimmte Dinge tabu sind?

„Immer. „Wenn wir in einem Land ankommen“, sagt Mikova, „sagen der Dolmetscher oder unsere Kontaktperson häufig: ‚Oh, über solche Dinge sprechen wir bei uns nicht.‘ Und wir antworten dann: ‚Ja, natürlich.‘ Während des Interviews wird die Frage dann trotzdem gestellt. Es gibt keine Ausnahmen. Mir ist noch nie passiert, dass Frauen nicht über Tabus sprechen wollten. Es gibt so viel zu sagen – man muss einfach die Tür öffnen und darf keine Angst haben.“

Sie erwähnten Kontaktpersonen. Welche Rolle spielen sie beim Zugang zu verschlossenen Gemeinschaften?

„Wenn man in eine Gemeinschaft kommt, in der Frauen niemals Informationen mit Fremden teilen, muss man die Dinge vorbereiten. Wir arbeiten bis zu vier Monate im Voraus mit Kontaktpersonen zusammen, um eine Situation zu schaffen, in der sich die Menschen wohl fühlen. Nächsten Monat gehen wir beispielsweise nach Bangladesch und planen ein Interview mit Rohingya-Frauen. Sie mussten ihr Land verlassen. Viele von ihnen wurden vergewaltigt. Wir arbeiten mit einer gemeinnützigen Organisation zusammen, die ihnen täglich hilft. Die Mitarbeiter bringen ihnen das Projekt näher.“

„Es ist sehr wichtig, dass alle Frauen, die wir interviewen, sich sicher fühlen, dass sie uns vertrauen, damit sie sich vollständig öffnen können. Und es ist wichtig, dass sie bereit sind, ihre Geschichte mit Millionen von Menschen zu teilen. Wir arbeiten daher auch mit Psychiatern zusammen, die bestätigen können, dass sie stark genug sind, um vor die Kamera zu treten.“

Der Trailer für „Woman“ stellte die Frage: „Wo werden Frauen in der Welt von morgen sein?“ Wie denken Sie darüber, basierend auf Ihren bisherigen Erfahrungen mit dem Film?

„Ich blicke sehr hoffnungsvoll in die Zukunft. Diese Frauen, die noch nie eine Chance in ihrem Leben erhalten haben – was wäre, wenn die Chance morgen da ist? Frauen wollen nicht mehr warten. Wir dachten: ‚Wenn wir warten, wird sich vielleicht etwas ändern. Wenn wir es nur etwas besser erklären, werden sich die Männer ändern. Vielleicht, wenn dies oder das passiert ...‘ Immer mehr sagen Frauen: ‚Ich will nicht abwarten, was morgen geschehen wird. Ich möchte an dieser Veränderung teilhaben und sie jetzt umsetzen.‘“

Verfasst von Rachel Segal Hamilton


Die Ausrüstung für das Projekt „Woman“

Die essentielle Technik zur Aufnahme einer internationalen Dokumentation

Two men and a woman look at the back of a Canon video camera with a long lens.

Kameras

Canon EOS C300 Mark II

Die EOS C300 Mark II bietet die 4K-/Full-HD-Video mit einem enorm großen Dynamikumfang (+ 15 Blendenstufen). Das XF-AVC-Format mit 410 Mbit/Sek. bietet „die perfekte Balance zwischen Qualität und Größe“, erklärt Thomas LaVergne, Director of Post Production bei „Woman“.

Canon EOS 5D Mark IV

Diese Vollformat-DSLR mit 30,4 Megapixel erfasst selbst bei extremem Kontrast unglaubliche Details, während 4K-Video HD-Aufnahmen gemäß dem DCI-Standard (4.096 x 2.160) ermöglicht. Dies war die B-Kamera beim Dreh von „Woman“ – mit Canon Log, das Aufnahmen liefert, die Cinema EOS Kameras so nahe wie möglich kommen und einen großen Dynamikumfang bietet.

Objektive

Canon EF 70-200mm f/2.8L IS II USM

Dieses zuverlässige Telezoomobjektiv verfügt über ein robustes Design, einen Bildstabilisator mit vier Stufen und UD-Linsenelemente (Ultra-low Dispersion), die für hohen Kontrast und natürliche Farben sorgen. In den Dokumenten zum Dreh von „Woman“ wurde dieses Objektiv immer mit der C300 Mark II verwendet, die 2,6 Meter vom Stuhl des Betrachters entfernt positioniert wurde.

Canon EF 200-400mm 1:4L IS USM Extender 1,4fach

200-400mm, 1:4 Telezoom-Objektiv der Profi-Klasse mit integriertem 1,4fach Extender zur Erweiterung der Brennweite auf 280-560mm. Der 4-Stufen-Bildstabilisator sorgt für maximale Schärfe, und die intuitive Steuerung verbessert die Handhabung. Dieses Objektiv wurde vom Team von „Woman“ zur Aufnahme einiger Außenaufnahmen verwendet.

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