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Fotojournalistinnen diskutieren: Was hält Frauen von diesem Beruf fern?

Die Diskussionsleiterin Hilary Roberts und die früheren Gewinnerinnen des Canon Female Photojournalist Award – von links nach rechts: Laura Morton, Ilvy Njiokiktjien und Catalina Martin-Chico – sprechen über die Hindernisse, denen Frauen in diesem Beruf begegnen.

Mehr Frauen denn je studieren Fotografie, aber die Zahl der Frauen, die im Fotojournalismus arbeiten, bleibt niedrig: Nur 15 % der Fotojournalisten sind Frauen, wie eine Studie von World Press Photo ergab. Auf dem Visa pour l'Image 2018 setzte sich Canon Europe mit drei führenden Fotojournalistinnen zusammen, um herauszufinden, warum das so ist.

Diskussionsleiterin Hilary Roberts, Fotokuratorin im Imperial War Museum in London, hatte drei frühere Gewinnerinnen des Canon Female Photojournalist Award eingeladen: Ilvy Njiokiktjien (2011), Catalina Martin-Chico (2017) und Laura Morton (2018).

In dieser aktuellen Diskussion erklärten die drei professionellen Fotojournalistinnen, welche Hindernisse sie überwinden mussten, und gaben Tipps, wie Frauen in der Branche vorankommen können.

Hilary Roberts with Laura, Ilvy and Catalina on stage at Visa pour l'Image 2018.
Laura, Ilvy und Catalina nahmen beim Visa pour l'Image, dem internationalen Festival für Fotojournalismus, an einer Podiumsdiskussion unter der Leitung von Canon Botschafterin Hilary Roberts teil.

Hilary Roberts: „Welche Probleme sind euch in eurer Karriere als professionelle Fotojournalistinnen bewusst oder unbewusst begegnet?“

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Laura Morton: „In unserer Gesellschaft gibt es immer noch diese Vorstellung, dass Männer die Hauptversorger der Familie sind. Für jeden Dollar, den ein Mann in den USA verdient, erhält eine Frau für dieselbe Tätigkeit durchschnittlich nur 80 Cent. Zu einem früheren Zeitpunkt in meiner Karriere war ich in New York und hatte ein gutes Treffen mit einem Redakteur. Am Ende sagte er: ‚Ich mag Ihre Arbeit wirklich sehr, und es wäre großartig, wenn Sie mit uns arbeiten könnten. Aber ich habe viele Männer in San Francisco sitzen, und sie brauchen dringend Aufträge, um ihre Rechnungen zu bezahlen.‘ Und ich dachte: ‚Was ist mit mir? Ich muss auch meine Miete bezahlen!‘ Ich kehrte zurück und schaute mir seinen Bereich an und wen er eingestellt hat: es waren ausschließlich Männer.“

„So etwas kommt oft vor. Ich glaube, den meisten ist gar nicht bewusst, dass sie das tun, weil es so tief in unserer Gesellschaft verankert ist. Ich glaube, dass der Großteil der geschlechtsspezifischen Diskriminierung, die ich erlebt habe, nicht in böser Absicht erfolgt. Das betrifft nicht nur unsere Branche, sondern auch die Gesellschaft. Und es gibt Orte, an denen es mehr Geschlechtergleichheit gibt, als in Amerika.“

Ilvy Njiokiktjien: „Es gibt, denke ich, einen Unterschied zwischen Europa und Amerika. Das habe ich bemerkt, als ich mit Redakteuren hier in Amsterdam gesprochen habe. Ich habe einmal eine Rede in New York gehalten. Anschließend kam ein Redakteur auf mich zu und sagte, dass er ähnliche Erfahrungen gemacht hätte. Und dann sagte er: ‚Aber wie sieht Ihre Familiensituation aus?‘ Mit anderen Worten: Haben Sie Kinder? Und ich war damals so nervös und überrascht von der Frage, dass ich sie ernsthaft beantwortete.“

„Und ich dachte mir: Warum mache ich das? Warum entschuldige ich mich dafür, dass ich diesen Auftrag will? Eigentlich ist das ungeheuerlich. Ich habe hauptsächlich für belgische, niederländische und deutsche Medien gearbeitet. Europa ist riesig, und es gibt viele Orte, zu denen ich nichts sagen kann. In diesen drei Ländern spielt es jedoch nach meiner Erfahrung wirklich keine Rolle, ob man männlich oder weiblich ist. Wirklich, überhaupt nicht. Wir haben alle die gleichen Chancen.“

People parade along a street playing brass instruments. Photo by Laura Morton.
Laura Morton schloss mit dem Stipendium, das sie mit dem Canon Female Photojournalist Award 2018 erhalten hatte, ihr Projekt University Avenue in Kalifornien ab. In diesem Bild aus dem Projekt tritt die Leland Stanford Junior University Marching Band bei der 97. jährlichen May Fete Parade auf der University Avenue in Palo Alto auf. Aufgenommen mit einer Canon EOS R mit einem Canon RF 35mm F1.8 MACRO IS STM Objektiv. Verschlusszeit 1/1250 Sek., Blende 1:5 und ISO 200. © Laura Morton
Six siblings pose for a portrait against a bare wall in a sparsely-furnished room. Photo by Anush Babajanyan.

Die Gewinnerin des Canon Female Photojournalist Award 2019 steht fest

Die armenische Fotografin Anush Babajanyan gewinnt dieses Jahr den prestigeträchtigen Preis für ihre Dokumentation von Familien in der umstrittenen Region Bergkarabach.

Hilary: „Ich habe in einem Radiointerview mit einem englischen Fotografen gehört, dass Fotografen einen starken Oberkörper brauchen, weil die Ausrüstung so schwer ist. Hat euch die Menge an Geräten schon einmal an eure Grenzen gebracht?“

Ilvy: „Nein. Ich habe das schon einmal gehört, und mir wurde diese Frage auch schon gestellt. Man muss fit sein, weil die Arbeit körperlich anstrengend ist. Aber dazu gehe ich ins Fitnessstudio. Also nein, ich glaube, es gibt keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Dieser Job erfordert nur viel Kraft, weil man viel unterwegs ist, wenig Schlaf bekommt und oft unter Jetlag leidet.“

Hilary: „Fotojournalistin zu sein, heißt, immer auf Achse zu sein. Wie findet ihr dieses Leben?“

Laura: „Ich habe das Glück, dass mein Partner meinen fantastischen Beruf unterstützt. Das beruhigt meinen konservativen Vater. Während seiner Rede auf meiner Hochzeit sprach mein Vater sogar darüber, dass er sich Sorgen gemacht hatte, dass ich nie heiraten würde, weil mir meine Arbeit so wichtig ist. Aber dann habe ich jemanden gefunden, dem meine Karriere genauso wichtig ist wie mir.“

„Es ist eine seltsame Doppelmoral. Ich weiß, dass ein Mann ein Kind haben und trotzdem der Hauptversorger der Familie sein kann, aber weibliche Fotojournalistinnen werden ständig gefragt: ‚Oh, wie kriegst du deine Arbeit und deine Kinder unter einen Hut?‘ Männer werden das wirklich nie gefragt. Glücklicherweise kommt es mittlerweile nicht mehr so häufig vor, aber diese Fragen werden immer noch gestellt.“

Ilvy: „Diese Frage wird mir oft gestellt. Und ich habe mich schon immer gefragt, warum. Ich habe einmal an einer Gesprächsrunde mit Frauen über Fotografie in einem Raum voller Frauen teilgenommen, und das Thema Kinder kam sofort auf. Nach 10 Minuten wurde mir klar, dass wir die ganze Zeit über Kinder redeten. Wir waren da, um über Fotografie zu sprechen. Und das wäre nie passiert, wenn diese Runde in einem Raum voller Männer stattgefunden hätte, die auch Kinder haben.“

Hilary: „Erzähle uns bitte von deiner Erfahrung in Südamerika, Catalina.“

Catalina Martin-Chico: „Ich habe letztes Jahr begonnen, die FARC in Kolumbien zu dokumentieren. Das ist eine revolutionäre Armee, die 53 Jahre lang im Krieg mit der Regierung war. Im Jahr 2016 haben sie schließlich eine Friedensvereinbarung getroffen. Ich wollte den Übergang zwischen Bürgerkrieg und Frieden dokumentieren und fand heraus, dass 40 % der FARC-Kämpfer Frauen waren, was enorm ist.

„Das wussten wir nicht, weil die Kämpfer seit einem halben Jahrhundert von der Zivilisation abgeschnitten waren. Als die Friedensverhandlungen abgeschlossen waren, wurden fast alle Frauen schwanger. Das war wie eine offene Tür für mich, um ihre Geschichten zu erzählen und zu erfahren, wie sie von der Schwangerschaft zur Mutterschaft übergingen.“

A heavily pregnant woman sits on a chair next to a man lying on a bed, her top rolled up to expose her stomach. Photo by Catalina Martin-Chico.
Catalina Martin-Chico gewann den Canon Female Photojournalist Award 2017 für ihre Dokumentation über frühere FARC-Guerillakämpfer, die sich im mittlerweile friedlichen Kolumbien ein neues Leben aufbauen. Aufgenommen mit einer Canon EOS 5D Mark IV mit einem Canon EF 24-70mm f/2.8L II USM Objektiv. © Catalina Martin-Chico

Hilary: „Wie hast du herausgefunden, dass dich das Thema Frauen anzieht?“

Catalina: „Ich definiere mich nicht als Fotografin, die Geschichten von Frauen aufnimmt. Für mich sind das einfach nur interessante Geschichten. Aber es stimmt, dass die Tatsache, dass ich eine Frau bin, mir Zugang zu 50 % der Geschichten verschafft hat. Natürlich habe ich den Vorteil genutzt und diese Geschichte erzählt, was für mich als Frau sehr interessant war.“

Hilary: „Es gibt offensichtliche Risiken, daher sind bestimmte Sicherheitsschulungen speziell auf weibliche Fotojournalisten ausgerichtet. Ist das nützlich?“

Ilvy: „Diese Art von Schulungen ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Sie können hilfreich sein, um sich gut auf einige der Länder vorzubereiten, die ich in den letzten Jahren besucht habe. Aber ich glaube nicht, dass diese Schulungen unbedingt geschlechtsspezifisch definiert werden müssen. Ich finde, sie sollte gemischter sein.“

Hilary: „Ilvy, ich habe mir deine Fotos angesehen. Wären sie in einer gemischten Ausstellung ohne deinen Namen gezeigt worden, hätte ich dein Geschlecht nicht erraten können. Da war eine besondere Aufnahme von Männern, die in einer Sauna sitzen ...“

Ilvy: „Ich habe für die New York Times eine Geschichte über Flüchtlinge in Finnland dokumentiert. Ich saß gerade vor dem Flüchtlingszentrum und habe gelesen, als eine Gruppe von etwa 20 männlichen Flüchtlingen mit Handtüchern um den Hals vorbeikam. Ich habe mich gefragt, wo sie wohl hingehen. Also fragte ich einen von ihnen. Er sagte mir: ‚Wir gehen in einer örtlichen Sauna duschen. Wegen der Sauna können wir dort kostenlos duschen.‘ Ich hatte ein wenig Angst, sie zu fragen, ob ich mit ihnen in die Dusche gehen kann.“

„Zum Glück sagte einer von ihnen im Spaß: ‚Hey, willst du uns in die Dusche begleiten?‘ Ich sagte: ‚Oh ja, ich komme mit.‘ So hatte er es sicher nicht gemeint, aber das war in Ordnung. Es war natürlich sehr heiß. Die Kamera konnte aufgrund der Luftfeuchtigkeit nicht fokussieren. Daher musste ich etwa eine Stunde lang mit ihnen in dieser Sauna sitzen, bevor sich meine Kamera an die Wärme angepasst hatte.“

„Ich wollte respektvoll sein, weil sie nackt waren. Ich wollte mich nicht ganz ausziehen, aber ich habe gefragt, ob ich meinen Pullover ausziehen kann. Und das habe ich gemacht. Es war ein Rollkragenpullover, und ich stand da und schwitzte. Und dann habe ich dieses Bild von den Flüchtlingen in der Sauna aufgenommen, was ich großartig fand, da es eine finnische Sauna in Finnland war. Das hast du gesehen. Vielleicht hätte es auch ein Mann aufnehmen können, weil sie alle Männer waren. Aber ich glaube, ich hatte einfach nur großes Glück.“

Male refugees enjoying a sauna in Finland. Photo by Ilvy Njiokiktjien.
Irakische und syrische Flüchtlinge genießen in Ilvys Schnappschuss aus einem Projekt für die New York Times die Wärme in der Sauna Arlan, einer traditionellen finnischen Sauna. Aufgenommen mit einer Canon EOS-1D X mit einer Verschlusszeit von 1/25 Sek., Blende 1:2,8 und ISO 3200. © Ilvy Njiokiktjien

Hilary: „Was sollte die Gemeinschaft tun, um Frauen in diesem Bereich zu unterstützen?“

Laura: „Ich denke, es ist sehr wichtig, darüber zu sprechen. Die Momente, in denen ich mich aufgrund meines Geschlechts diskriminiert gefühlt habe, waren oft sehr subtil. Die Verursacher wussten vielleicht gar nicht, was sie da tun. Es ist so tief in unserer Gesellschaft verankert. Aber ich glaube, wir müssen einfach darüber sprechen, damit das Thema in die Köpfe der Menschen kommt. Ich habe in den letzten zwei Jahren viele Veränderungen in der Art und Weise erlebt, wie Menschen auf weibliche Fotojournalisten reagieren.“

Ilvy: „Ich finde, man ist dazu verpflichtet, sich umzusehen und nach dem Geschlechterverhältnis zu fragen. In großen Unternehmen sollte es sich zum Beispiel auf 50/50 zu bewegen.“

Hilary: „Ist Mentoring der beste Weg?“

Ilvy: „Meiner Meinung ist Mentoring sehr wichtig, und ich würde gerne jemanden betreuen. Hätte ich bei all meinen Erfahrungen eine Mentorin gehabt, hätte das sicher einen großen Unterschied gemacht. Mentoring muss nicht über Jahre hinweg stattfinden. Natürlich wäre das großartig, aber ich habe auch Frauen getroffen, die mir bei einem Bier einen Rat gegeben haben, der von entscheidender Bedeutung war. Sie haben vielleicht etwas gesagt, das meine Sichtweise völlig verändert hat.“

Hilary: „Welchen Zweck erfüllen Auszeichnungen? Sind sie eine Möglichkeit, Arbeiten zu erschaffen, die sonst nicht entstehen würden?“

Ilvy: „Ich betrachte und bewerte viele Portfolios, und es gibt einen großen Unterschied in der Art und Weise, wie Männer und Frauen ihre Arbeit zeigen. Die meisten Frauen öffnen ihr Portfolio und sagen: ‚Das ist nicht wirklich meine beste Arbeit.‘ Die Männer hingegen zeigen ihre Arbeiten sagen: ‚Ich war in Venezuela und habe das und das und das fotografiert.‘ Da gibt es einen großen Unterschied. Es ist etwas klischeehaft, aber es steckt auch ein wenig Wahrheit darin. Ich glaube daher, dass Fotografieauszeichnungen für Frauen gut sein können, weil vielleicht ein 19-jähriges Mädchen die Preisverleihung im Internet sieht und sich davon inspirieren lässt.“



Mehr über den Canon Female Photojournalist Award und alle Canon Storys findest du auf unserer Seite zum Visa pour l'Image.

Verfasst von Tom May


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