Natürliches Licht kann Porträts mühelos wirken lassen, verhält sich beim Shooting jedoch selten so wie geplant. Die Sonne wandert, Wolken ziehen auf, Schatten verdunkeln sich, und die Stimmung der Location kann sich innerhalb von wenigen Minuten ändern.
Für Porträt- und Modefotograf Samuel Sarfati hat gerade diese Variabilität ihren eigenen Reiz. „Ich mag es, draußen vor Ort zu fotografieren und das Umgebungslicht zu nutzen“, sagt er. „Bei Aufnahmen in natürlichem Licht sind Location, Motiv und Zeitpunkt enorm wichtig.“
Für Samuel besteht der Trick darin, nicht gegen die Bedingungen anzukämpfen, sondern zu verstehen, wie das Licht sich verhält und den richtigen Ort, den idealen Winkel und die passenden Einstellungen für das Bild zu finden. „Ich frage mich: ‚Was kann ich damit anfangen?‘ Ich mag auch Architektur und das Spiel mit dem Licht.“
Du möchtest das selbst einmal ausprobieren? Hier sind Samuels Tipps für mehr Kontrolle über natürliches Licht bei Porträtaufnahmen.
Samuel Sarfatis Hacks für Porträts bei natürlichem Licht
Was spricht für Porträts bei natürlichem Licht?
Als Erstes schaltet Samuel seine Kamera in den manuellen Modus. Das mag nach einer Herausforderung klingen, wenn man damit nicht vertraut ist, aber nach Samuels Ansicht kann man sich mit spiegellosen Canon Kameras wie seiner EOS R5 Mark II leicht daran gewöhnen, da man Belichtungsänderungen in Echtzeit auf dem Bildschirm oder durch den elektronischen Sucher sehen kann.
„Ich möchte mein Bild selbst steuern, anstatt es der Kamera zu überlassen“, sagt er. „Ich möchte Verschlusszeit und ISO-Wert selbst festlegen, da ich eine bestimmte Bildgestaltung vor Augen habe.“
Samuel verlässt sich nicht nur auf das Bild auf dem Kameradisplay, um die Belichtung einzuschätzen. Im Freien, wo Reflexionen und wechselnde Lichtverhältnisse die Einschätzung des Displays erschweren, prüft er das Histogramm. So kann er sicherstellen, dass das Bild passend zur Stimmung, die er erzielen möchte, belichtet ist.
Mit welchen Kameraeinstellungen beginnt Samuel?
Nach Möglichkeit hält Samuel den ISO-Wert zwischen 100 und 1.600, um Farbe, Schärfe und Bildqualität zu erhalten. Manchmal erhöht er den Wert bei wenig Licht, wenn es nötig ist. Er zieht es jedoch vor, die Empfindlichkeit unter Kontrolle zu halten und später bei Bedarf kleine Belichtungsänderungen vorzunehmen.
Wenn die Lichtverhältnisse sich ändern, ist die ISO-Einstellung in der Regel das Erste, was er anpasst. Die Blende hängt im stärkeren Maße vom Look ab, den er für das Porträt erzielen möchte.
Samuel wählt die Blendeneinstellungen vor allem abhängig von der Rolle, die die Location im Porträt spielen soll. „Ich halte gerne nach Linien Ausschau, um etwas Grafisches und Ausdrucksstarkes zu erzeugen – deshalb mag ich moderne Architektur“, so Samuel. „Wenn ich räumliche Tiefe erzielen möchte und die Szene überall scharf sein soll, muss ich die Blende schließen.“
Soll sich das Motiv hingegen vom Hintergrund abheben, öffnet er die Blende (wählt eine niedrigere Blendenzahl), um eine geringere Schärfentiefe zu erhalten und damit einen weicheren Look zu erzeugen.
„Es hängt wirklich davon ab, welche Stimmung ich im Bild erzeugen und was ich in den Vordergrund stellen möchte.“
Die Location spielt eine wesentliche Rolle für die Porträtarbeiten von Samuel. Dasselbe Modell, Outfit und Licht können ganz anders wirken, je nachdem, ob der Hintergrund eine schmale Straße, ein Dach oder eine minimalistischere Stadtszene ist. Eine graue Karte, oder in diesem Fall eine Farbreferenzkarte, hilft ihm bei der Einschätzung von Licht, Weißabgleich und Belichtungseinstellungen.
Schneller arbeiten mit dem Steuerungsring des RF Objektivs
Einer der beliebtesten Workflow-Tricks von Samuel ist die Nutzung des an RF Objektiven verfügbaren Steuerungsrings. An vielen Objektiven lässt sich der Steuerungsring individuell konfigurieren, und Samuel weist ihm die ISO-Einstellung zu. Anschließend stellt er Blende und Verschlusszeit über die Wahlräder am Kameragehäuse ein, sodass er auf alle drei Belichtungsparameter im Handumdrehen zugreifen kann, ohne den Blick vom Motiv abzuwenden.
„Es ist ein bisschen wie bei einem Videospiel“, erklärt er. „Beim Spielen denkt man nicht über die Tasten nach, sondern macht es einfach aus dem Muskelgedächtnis heraus.“
Bei schnellen Porträtaufnahmen ist dieses Tempo wichtig. Wenn sich die Lichtverhältnisse ändern, die Stimmung wechselt oder das Motiv sich bewegt, kann er schnell reagieren, ohne den Flow der Session zu unterbrechen.
Histogramm zum Prüfen der Belichtung
Dabei verlässt Samuel sich nicht nur darauf, wie das Bild auf dem Bildschirm aussieht. Er prüft sein Histogramm „die ganze Zeit“, um sich zu vergewissern, dass die Belichtung seinen Vorstellungen entspricht.
Wie er sagt, ist das Histogramm besonders im Freien nützlich, wo helles Tageslicht die Beurteilung auf dem Bildschirm erschweren kann. Außerdem gibt das Histogramm zuverlässig Aufschluss darüber, ob er Lichter vor Überbelichtung schützt, genügend Schattendetails bewahrt oder die Stimmung bewusst dunkler oder heller gestaltet.
Indem er während des Drehs mit Capture One verbunden bleibt, kann Samuel Bilder in Echtzeit begutachten, Details prüfen und schnelle Anpassungen während des Arbeitens vornehmen. Aufgrund des kabellosen Workflows kann er sich frei um das Modell und die Location herum bewegen, ohne durch ein Kabel eingeschränkt zu werden.
Obwohl dieses Porträt mit natürlichem Licht aufgenommen wurde, ist das Gesicht gut ausgeleuchtet. Schatten wurden mithilfe eines Reflektors aufgehellt. Die hellsten Bereiche auf dem hellen Regenmantel sind gut belichtet. Aufgenommen mit einer Canon EOS R5 Mark II. © Samuel Sarfati
Dem Autofokus die Arbeit überlassen
Für Porträts ist, so Samuel, der AF mit Augenerkennung an seiner EOS R5 Mark II ein „Game-Changer“. Dadurch muss er sich weniger um die Schärfe kümmern und kann sich stärker auf Belichtung, Bildkomposition und die Arbeit mit dem Model konzentrieren.
Bei einem dynamischen Porträt-Shooting hilft ihm die Motivnachführung seiner Kamera auch dann, wenn das Motiv sich zwischen den Aufnahmen bewegt, dreht oder die Pose wechselt. Sobald die Kamera das Motiv erfasst hat, folgt sie ihm durch die Szene und sorgt so für einen konstanten Fokus.
Wie kann man natürliches Licht ohne Blitz gestalten?
Bei der Arbeit mit natürlichem Licht hat Samuel drei wichtige Utensilien in seiner Fototasche: Diffusoren, Reflektoren und Negativ-Aufheller.
Ein Diffusor mildert hartes Sonnenlicht. Das ist vor allem im Sommer oder zur Mittagszeit nützlich, wenn die direkt von oben scheinende Sonne starke Schatten unter den Augen erzeugen kann. Ein Reflektor kann das Licht auf Motiv zurückwerfen, um diese Schatten aufzuhellen, während ein Negativ-Aufheller das Gegenteil bewirkt: er blockiert das Licht von einer Seite, um einen stärkeren Kontrast und einen plastischeren Look zu erzeugen.
Wenn er keines dieser Hilfsmittel zur Hand hat, sucht Samuel nach natürlichen Alternativen: eine schmale Straße, die Schatten spendet, eine helle Wand, die das Licht reflektiert, oder eine dunklere Oberfläche, die für zusätzlichen Kontrast sorgt. Der Trick besteht darin, natürliches Licht nicht als etwas Unveränderliches zu betrachten, sondern die Location als Teil des Beleuchtungssetups zu behandeln.
„Das ist es, was ich an natürlichem Licht so mag“, sagt Samuel. „Man braucht weder einen aufwendigen Aufbau noch Unmengen an Beleuchtungsausrüstung. Als ich mit der Modefotografie begann, habe ich viel draußen fotografiert, weil ich nicht das Budget hatte, Blitz- oder Dauerlichtgeräte zu mieten.
„Der beste Weg, ein ausdrucksstarkes Bild zu schaffen, besteht darin, den richtigen Zeitpunkt, die richtige Location und das richtige Motiv zu finden – und einfach zu fotografieren.“
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