INTERVIEW

Ein Meister bei der Arbeit: Sir Don McCullin in Kalkutta

Sir Don McCullin kämpft sich mit Kameramann Chris Clarke (links) durch die Menschenmassen: „Wir mussten schnell sein, um mit dem hohen Tempo unserer Aufnahmen mitzukommen“, sagt Chris. „In diesen Gegenden war nur wenig Platz, und wenn es Platz gab, wimmelte es dort von Tausenden von Menschen.“ © Lance Miller

Regisseur Clive Booth, Kameramann Chris Clarke und Mark George, Manager von Sir Don McCullin, gewähren uns einen Blick hinter die Kulissen des Dokumentarfilms „McCullin in Kolkata“.

Don McCullin hatte im Laufe seiner langen Karriere schon oft auf Film über seine Fotografie gesprochen, wurde aber nur selten bei seiner eigentlichen Arbeit gezeigt. Als also Pläne für eine Dokumentation über den berühmtesten Fotojournalisten der Welt auf den Tisch kamen und dieser auch noch vom Konzept begeistert war, wussten sie, dass sich ihnen eine seltene Gelegenheit bot, die die Welt der Fotografie mit Spannung erwarten würde. Die Frage war nur, worauf Don sein Objektiv richten wollte …

When considering where in the world to film the documentary, McCullin suggested Kolkata  – “the most unbelievable city in the world” – as where he’d like to go. © Don McCullin
Als Drehort der Dokumentation schlug McCullin Kalkutta vor, „die unglaublichste Stadt der Welt“. © Sir Don McCullin

Gefährliches Gebiet

„Ursprünglich wollten wir Don im Libanon filmen, aber der IS ist in die Region vorgerückt, sodass es zu gefährlich war“, sagt Mark. „Wir haben in Betracht gezogen, ihn beim Fotografieren römischer Gebäuden in der Türkei zu filmen, aber er hat sich seinen Namen mit der Aufnahme von Menschen gemacht. Daher wollten wir ihn auch dabei zeigen.

Schließlich sagte Don, ‚Wenn Sie Menschen möchten, sollten wir nach Kalkutta gehen. Es ist die unglaublichste Stadt der Welt.‘ Wenn Don so etwas sagt, dann weiß man, dass es Hand und Fuß hat.“

Während Mark, der auch der Produzent des Films ist, alle nötigen Vorbereitungen für den Dreh traf, holte Clive den preisgekrönten Kameramann Chris Clarke an Bord. Auf der Reise wurden sie zudem von Dons Assistent Roger Richards und Soundtechniker Sean Smith begleitet.

Bevor sie nach Kalkutta aufbrachen, wurde Don in einem Studio in Soho, London aufgenommen. Diese Aufnahmen dienten als Voiceover und ermöglichten dem Team, die erzählerische Komponente des Films zu planen.

Üppige Landschaft

Im Frühjahr 2017 reiste das Team schließlich nach monatelangen Meetings und Vorbereitungen nach Kalkutta in Westbengalen, Indien. Don hatte die Stadt bereits besucht und Ideen für Drehorte vorgeschlagen. Es wurde jedoch vereinbart, kein festes Storyboard für die Aufnahmen zu verwenden.

Sir Don McCullin is famous for photographing humanity – it’s the people that drew him to Kolkata.  © Sir Don McCullin
Sir Don McCullin ist berühmt dafür, die Menschheit in Bildern einzufangen. Daher waren es die Leute, die ihn nach Kalkutta zogen. © Sir Don McCullin
Cinematographer Chris Clarke films Sir Don McCullin through the streets of Kolkata.  © Lance Miller
Kameramann Chris Clarke filmt Sir Don McCullin auf den Straßen von Kalkutta. © Lance Miller

„Wir begaben uns in eine Gegend, die reich an Bildmaterial für Don war – und auch für uns“, sagt Clive. „Er hatte mehrere Orte für Aufnahmen in einem Zeitraum von drei bis vier Tagen ausgewählt. Es ging vor allem darum, ihn in die richtige Situation zu bringen, damit er sein Ding machen konnte, ohne dabei von uns gestört zu werden. Das war der Schlüssel zu diesem Projekt. Anschließend wollten wir den Film aus unseren Aufnahmen zusammenschneiden“.

Wir wollten Dons Ansatz für den Fotojournalismus in unserem Film widerspiegeln.

Während Don Kalkutta mit einer Canon EOS 5D Mark IV fotografierte, nutzten Chris und Clive – der sowohl als zweiter Kameramann diente als auch Regie führte – mehrere Canon EOS C300 Mark II, um Don zu filmen. Sie entschieden sich für EF-Zoomobjektive, vorwiegend das 16-35mm f/2.8 und 24-70mm f/2.81, und nahmen alles bei Tageslicht auf – fast immer mit der freien Hand.

The whole crew were shocked by the extraordinary energy and endurance of the 82-year-old Don, pictured here shooting in a market. “The years just disappeared and his reactions were phenomenally quick,” says Director Clive Booth.  © Sir Don McCullin
Die gesamte Crew war von der außergewöhnlichen Energie und Ausdauer des 82-jährigen Don überrascht. „Die Jahre waren überhaupt nicht spürbar verschwunden, und seine Reaktionen waren äußerst schnell“, sagt Regisseur Clive Booth. © Sir Don McCullin

„Wir wollten Dons Ansatz für den Fotojournalismus in unserem Film widerspiegeln. Er hat zwei Kameras und zwei Objektiven, mehr nicht. Damit zieht er los“, sagt Chris. „Wir wollten diese Philosophie beibehalten. In der Praxis mussten wir schnell sein, um mit dem hohen Tempo unserer Aufnahmen mitzukommen In diesen Gegenden war nur wenig Platz, und wenn es Platz gab, wimmelte es dort von Tausenden von Menschen.

Intensive Umgebung

Die Aufnahmen entstanden in intensiven Sitzungen früh am Morgen. Anschließend legten Don und die Crew um die Mittagszeit eine Pause ein. Dies lag zum Teil an der starken Hitze und Feuchtigkeit und zum Teil am schwierigen Sonnenlicht in dieser Zeit. Es wurde Clive jedoch klar, dass seine Aufnahmemethoden Früchte trugen.

Don McCullin has been filmed discussing his photography many times in his long career, but rarely has he been shown shooting in the field.  © Lance Miller
Don McCullin hatte im Laufe seiner langen Karriere schon oft auf Film über seine Fotografie gesprochen, wurde aber nur selten bei seiner eigentlichen Arbeit gezeigt. © Lance Miller
Prior to heading for Kolkata, Don was interviewed in a studio in Soho, London. This material allowed the team to find the narrative, and provided the voic over for the film. © Lance Miller
Bevor sie nach Kalkutta aufbrachen, wurde Don in einem Studio in Soho, London interviewt. Diese Aufnahmen dienten als Voiceover und ermöglichten dem Team, die erzählerische Komponente des Films zu planen. © Lance Miller

„Ich konnte sofort sehen, dass unser Ansatz funktionierte“, sagt er. „Am ersten Tag haben wir einen Markt am Morgen aufgenommen. Am Nachmittag dann landeten wir in einer chaotischen Umgebung, in der Don inmitten von starkem Verkehr Fotos aufnahm. Gesundheit und Sicherheit haben wir über Bord geworfen. Am Ende waren Chris und ich uns einig, dass dies der aufregendste Drehtag unserer gesamten Karriere war.“

Im Auto verhielt es sich wie ein eingesperrtes Tier und scharrte mit den Füßen, bis er endlich loslegen konnte.

Die gesamte Crew war von der außergewöhnlichen Energie und Ausdauer des 82-jährigen Don überrascht. „Die Jahre waren überhaupt nicht spürbar verschwunden, und seine Reaktionen waren äußerst schnell“, so Clive. „Im Auto verhielt es sich wie ein eingesperrtes Tier und scharrte mit den Füßen, bis er endlich loslegen konnte. Wenn ihm etwas ins Auge sprang, rief er ‚Halt, halt, halt! Das müssen wir aufnehmen‘, und schon eilte er los. Don ist immer auf der Suche. Sein Radar ist die ganze Zeit eingeschaltet.“

Chris stimmt zu. „Wenn er ein Bild vor sich sieht, unterbricht er ein Gespräch mitten im Satz, um es aufzunehmen. Alles, was er tut, tut er mit Leidenschaft. Er bemüht sich nicht nur um die perfekte Komposition. Die ist eigentlich nur das Nebenprodukt seiner Faszination für Menschen. Ihn bei der Arbeit zu beobachten war unglaublich.“

“We were going to an environment that was rich in imagery for Don, and us too,” says Clive. “It was really about putting him in that situation and enabling him to do his thing without us being intrusive.”  © Sir Don McCullin
„Wir begaben uns in eine Gegend, die reich an Bildmaterial für Don war – und auch für uns“, sagt Clive. „Es ging vor allem darum, ihn in die richtige Situation zu bringen, damit er sein Ding machen konnte, ohne dabei von uns gestört zu werden.“ © Sir Don McCullin

Die Aufnahmen erfüllten die Erwartungen der Crew und auch Don. Doch erst nach der Rückkehr erfuhr das Team von den politischen Unterströmen, die die Aufnahme bedroht hatten. Beim Versuch, Beleuchtungsanlagen zu mieten, fand Mark heraus, dass diese sehr teuer würden und mit der Einstellung von 18 Leuten vor Ort verbunden waren. „Sie sagten: ‚Wenn Sie uns nicht einstellen, finden wir heraus, wo Sie drehen, und dann schlagen wir Sie zusammen und nehmen Ihnen all Ihre Kameras und Ausrüstung weg. Und glauben Sie ja nicht, dass die Polizei Ihnen helfen wird – Wir besitzen die Polizei‘.“ Als er erkannte, dass er es mit organisierten Kriminellen, also einer Art indischer Mafia, zu tun hatte, bemühte sich Mark, das Risiko zu minimieren. „Ich habe mich auf einen Handel mit ihnen eingelassen und gesagt, ich würde fünf von ihnen einstellen. Sie tauchten nicht auf. Dann aber am letzten Tag erschienen alle 18 auf einmal. Sie hatten alle gebrochene Nasen und geschwollene Ohren. Mit denen wollte man sich wirklich nicht anlegen!“

Wir finden heraus, wo Sie drehen, und dann schlagen wir Sie zusammen und nehmen Ihnen all Ihre Kameras und Ausrüstung weg.

Bearbeitung in der Ferne

Das Team brachte mehr als 15 Stunden Videomaterial aus Kalkutta mit. Die Bearbeitung des Films dauerte etwa drei Wochen und wurde von Clive und seinem Editor Tristram Edwards durchgeführt. Sie nutzen erstmals weltweit einen neuen „Hosted Collaboration Service“, Adobe Team Projects. Über die Adobe Creative Cloud konnte Clive in seinem Zuhause in Derbyshire Tristrams Bildschirm in London sehen. Tristram lud die Schnitte hoch, die dann von beiden angezeigt und gleichzeitig bearbeitet werden konnten.

For all of the team pictured here, it was an all-consuming project. “There’s no single aspect of the film I'm not immensely proud of,” says Director Clive Booth. © Lance Miller
Für das hier gezeigte Team war dies ein überwältigendes Projekt. „Es gibt keinen einzigen Aspekt des Films, auf den ich nicht unglaublich stolz bin“, sagt Regisseur Clive Booth. © Lance Miller

Der entstandene 19-minütige Film ist ein informatives und aufschlussreiches Portrait eines Meisters der Fotografie in Aktion – in einer Umgebung, die ihn bis an seine Grenzen brachte. Der Schwerpunkt liegt dabei nicht so sehr auf den entstandenen Bildern, sondern vielmehr darin, zu beobachten, wie Don einige der weltweit gefeiertsten Bilder aufgenommen hat. „Was den Film so einzigartig macht, ist, dass er seine Vorgehensweise und seine Kunstfertigkeit zeigt“, sagt Chris. „Es geht nicht nur darum, wie er aus technischer Sicht Aufnahmen macht, sondern wie er in schwierigen Situationen mit Menschen umgeht. Das zu beobachten ist wirklich sehr interessant.“

Für Clive war dieses Projekt überwältigend, und er ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden. „Es gibt keinen einzigen Aspekt des Films, auf den ich nicht unglaublich stolz bin“, sagt er. „Das schließt das Thema, die Filmproduktion, die Musik und die Bearbeitung ein. Es zeigt Don auf eine Weise, in der ihn die meisten Menschen noch nicht gesehen haben, und ich bin dankbar, dass Canon uns die nötige Freiheit dafür gegeben hat. Hand auf Herz – für mich ist das die beste Arbeit, die ich je gemacht habe.“

„McCullin in Kolkata“ feierte auf der Camerimage 2017 in Polen Premiere. Weitere Informationen über das neueste Modell der Kamera EOS 5D, die EOS 5D Mark IV, die McCullin in Indien verwendete, finden Sie auf der entsprechenden Produktseite.

Verfasst von David Clark


Canon Professional Services

Mitglieder erhalten Zugang zum CPS-Support – lokal und auf großen nationalen und internationalen Veranstaltungen, dem Dringlichkeits-Reparaturservice und – abhängig von der Stufe Ihrer Mitgliedschaft – zum kostenlosen Verleih von Ersatzausrüstung.

Beitreten

Erfahren Sie mehr

Canon Professional Services